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26. 05. 2018

Prof. Ursula Barthold über Kamera, Kunst und Visual Music

Prof. Ursula Barthold im Gespräch mit uns über ihren Werdegang als Kamerafrau, die Faszination der Kunst und ihren Unterricht im Schwerpunkt Visual Music.

[IMM]: Seit 1999 unterrichten Sie "Bildgestaltung Kamera/Licht" im Studiengang Ton- und Bildtechnik und seit der Gründung des Instituts für Musik und Medien auch in den Schwerpunkten „Musik und AV-Produktion“ sowie "Visual Music“ in den beiden Bachelorstudiengängen. Könnten Sie uns erzählen, was Sie besonders daran fasziniert zu unterrichten und worauf Sie Ihren Fokus im Unterricht setzten?

[U.B]: Vor langer Zeit unterrichtete ich Geschichte und war sehr unglücklich damit. Ich saß nächtelang am Schreibtisch und wollte das Rad neu erfinden, doch ich merkte, dass es so nicht klappt. Ich wollte frei sein und entschloss mich einen neuen Berufsweg einzuschlagen und wurde Kamerafrau. Jahre später hatte ich meinen ersten Lehrauftrag und mein Lehrgebiet war um Vieles spannender geworden. Da ich meinen Beruf als Kamerafrau liebe, gebe ich gerne mein Wissen und meine Erfahrung weiter. Ich mag die Kommunikation mit den Studierenden und gegenseitiges Lernen ist mir wichtig. Das gibt mir Anregung, Inspiration und Neugierde.
 
[IMM]: Im Schwerpunkt "Visual Music" beschäftigen Sie sich in Ihrem Seminar „Bildkomposition und -rhythmus“ mit der visuellen Ebene der Bild- und Filmgestaltung. Können Sie uns einen kurzen Überblick geben, wie Sie das Seminar aufbauen und welche Aspekte Ihnen besonders wichtig sind?

[U.B]: Mein Unterricht im Schwerpunkt Visual Music findet immer im Wintersemester statt. Zu diesem Zeitpunkt arbeiten die Studierenden an ihren Abschlussprojekten, die jedes Jahr in der gemeinsamen Ausstellung Visual Music Studies präsentiert werden. Da die Projekte unterschiedlich sind, versuche ich mir in der ersten Lehrveranstaltung mittels eines Fragebogens einen Überblick zu verschaffen. Zwei Dinge interessieren mich: Wie kann ich mit meinem Unterricht die Studierenden unterstützen und wo ist der kleinste gemeinsame Nenner? Die Ergebnisse fließen dann in meine Unterrichtsplanung ein. Meine Lehrveranstaltungen beschäftigen sich mit den Themen Kameraführung, Bildkomposition, Bildrhythmus, Lichtgestaltung, Farbdramaturgie, Ausstellungskonzept, Raumplanung und Unterstützung bei der Abschlusspräsentation.

[IMM]: Sie haben in Ihrer Berufslaufbahn als Kameraassistentin und anschließend als freiberufliche Kamerafrau für ARD, ZDF und private Fernsehsender gearbeitet. Gibt es ein Projekt, das Sie besonders inspiriert hat? 

[U.B]: Ich hatte gleich zu Beginn meiner Laufbahn das große Glück als Praktikantin vier Wochen der amerikanischen Künstlerin Molly Davies bei einem Projekt im Theater am Turm in Frankfurt assistieren zu dürfen. Es handelte sich um ein Ballett mit einer Tänzerin und einem Tänzer. Das bahnbrechende daran war, dass das Bühnenbild aus Stoffbahnen bestand, auf die mit drei synchronisierten 16mm-Filmprojektoren Bäume projiziert wurden. Die so entstehende Räumlichkeit war faszinierend. Die Tänzer bewegten sich in einer Art künstlichem Wald. Ich erzähle das, weil es im Jahr 1980 stattfand. Und für damalige Verhältnisse war es sensationell. Optisch außerdem wunderschön. In diesen vier Wochen begegnete ich Michael Nyman, der die Musik für das Stück komponiert hatte, Merce Cunningham, der zeitgleich an der Frankfurter Oper ein Ballett inszenierte und John Cage. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass sich damals mein Blick auf die Welt veränderte. 
Später als Kamerafrau war für mich die Zusammenarbeit mit der österreichischen Experimentalfilmerin Mara Mattuschka sehr spannend. SOS Extraterrestria war ein 16mm Schwarzweißfilm, bei dem Trickaufnahmen mit Masken und Mehrfachbelichtungen direkt in der Kamera gemacht wurden.
Im dokumentarischen Bereich gibt es zwei Filme, die mir besonders am Herzen liegen. Magische Transparenz, eine mobile Überdachung für die Arena in Nimes und Blut, der Saft des Lebens (Regie: Renate Härtl). Magische Transparenz war eine Langzeitbeobachtung eines deutsch-französischen Architekturprojektes, das sich über ein Jahr erstreckte und eine echte Herausforderung war. Ich denke, es war mein liebstes Dokumentarprojekt. Es war voller Abenteuer und visuell super spannend. 
Blut, der Saft des Lebens, ein Film über die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz, hatte ganz andere Anforderungen. Es ging um Parallelen zwischen Theater und Realität. Marlene Streeruwitz hatte zu dem Zeitpunkt drei Theaterstücke geschrieben und war Theaterautorin des Jahres. Im Film gingen wir der Frage nach, wo das Theater in die Realität übergeht und umgekehrt. 

[IMM]: Können Sie uns jemanden nennen, dessen Arbeit und Person Sie besonders bewundern? Und welche Art von visuellen Arbeiten gefallen Ihnen privat besonders?

[U.B]: Spontan fällt mir William Kentridge ein, ein südafrikanischer Künstler, der sich mit den Folgen der Industrialisierung, des Kolonialismus und des Systems der Rassentrennung auseinandersetzt. Und dann in bunter Reihenfolge Francis Bacon, Jean-Michel Basquiat, Patrick Angus, dessen Bilder zum ersten Mal in Europa in Stuttgart ausgestellt wurden, Cindy Sherman, Nan Goldin, Sebastiao Saldago, Bill Viola, Michel Gondry ud Bruce Nauman. 
Aktuell hinzugekommen, weil mich die Ausstellung sehr beeindruckt hat, ist die deutsche Fotografin Helga Paris, die die Menschen in der ostdeutschen Nachkriegszeit fotografierte und auch, weil ich Farben und Punkte liebe, die japanische Künstlerin Yayoi Kusama.

[IMM]: Gab es einen technischen Wandel, Projekt, eine Kamera oder ein digitales Programm, was einen großen Einfluss auf Ihre Arbeit hatte?

[U.B]: Auf dem Gebiet der Technik war der Übergang von Film zu Video sicher die einscheidenste Veränderung, die ich in meiner Arbeit erlebt habe. Aus meiner Sicht als Kamerafrau war es ein bodenloser Absturz. Die Bildqualität war fürchterlich am Anfang. Die schönen handlichen 16mm-Kameras wurden durch klobig-hässliche Videokameras mit riesigen Rekordern ersetzt. Für mich war also auch die Hardware eine Zumutung. Selbstverständlich änderte sich auch die Arbeitsweise.
Bei dem teuren Filmmaterial mussten Drehverhältnisse eingehalten werden. Dies zwang jedoch auch zu konzeptionellem Denken. Videobänder waren sehr viel günstiger und mehrfach bespielbar. Es kamen die Bilderteppiche, ein Begriff, den wir Kameraleute mit Fernsehredakteuren verbanden, die nicht so richtig wussten, was sie drehen wollten. Aber es gab auch einen positiven Aspekt. Video machte das Filmen bezahlbar. Ein Segen für Künstler_innen, die jetzt unabhängiger von Finanzquellen arbeiten konnten. Ich habe mit verschiedenen Videokünstlerinnen gearbeitet und mit ihnen spannende Projekte realisiert. Dass ich hauptsächlich mit Frauen gearbeitet habe, lag übrigens an der Tatsache, dass wir Kamerafrauen – zu Beginn meiner Laufbahn gab es in der BRD sieben Kamerafrauen – sonst kaum Jobs bekamen. 
Inzwischen betrachte ich die Entwicklung von Kameras und Zubehör aus einer kritischen Distanz. Ich freue mich, dass die Bildqualität hervorragend geworden ist, ärgere mich allerdings total über die Dominanz der Technik. 

Das Interview führte Laura Greco.
>> Magische Transparenz



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