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19. 04. 2022

Sounddesign: Bilder, die Klingen

Maximilian Sattler vertonte einen Kurzfilm – und gewann den European Talent Award der SoundTrack_Cologne, einem Kongress für Ton in Film und Games.

Musik im Film hat einen langen Weg hinter sich. Was mit der Pianobegleitung von Stummfilmen begann, ist heute eine komplexe akustische Welt und eine eigene Art von Ton-Kunst. Mittendrin im Klang-Kosmos von Kino und TV ist die Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf.

Eine Projektarbeit für das Studium erstellen und damit gleich einen Preis gewinnen – Maximilian Sattler klingt heute noch überrascht. „Ich stehe kurz vor meinem Bachelor-Abschluss und war auf der Suche nach einem Projekt für meinen Studienschwerpunkt Medienkomposition. Im Rahmen eines Wettbewerbs bei der Sound- Track_Cologne habe ich dann die Musikkomposition und das Sounddesign zu einem Kurzfilm erstellt. Das Ergebnis habe ich auch der Uni vorgestellt.“ Beide Male mit Erfolg: Der Student am Institut für Musik und Medien der Robert Schumann Hochschule bekam nicht nur die nötigen Punkte für das Studium, sondern gewann für sein Klang-Kunstwerk in Köln den European Talent Award. Seitdem ziert ein kleiner Pokal das WG-Zimmer des 26-Jährigen in Düsseldorf.

Die Aufgabe war nicht leicht: Für den Kurzfilm mit dem Titel Mall sollte ein sogenannter Score – also die Filmmusik – und zugleich eine Klangkulisse aus Geräuschen und Atmosphäre erschaffen werden – buchstäblich aus dem Nichts. „Ich habe den Film ohne Tonspur erhalten“, erläutert Maximilian Sattler. Genau das war die Herausforderung: Mit Hilfe von Musik und Geräuschen den stillen Bildern eine ganz eigene Ebene hinzuzufügen und damit die Filmdramaturgie zu ergänzen. Maximilian Sattler erkannte schnell die Chance, die sich damit verband: „Ich habe mich gefragt, welche Geschichte ich nur über den Klang erzählen könnte. Lustigerweise kamen mir die besten Ideen dafür unter der Dusche!“

Der Film Mall zeigt eine Episode aus dem Leben eines Vaters und seiner drei Söhne, die in einem Supermarkt unterwegs sind. Einer der Söhne begeht einen kleinen Diebstahl. Beim Verlassen des Marktes will er eine Puppe unter der Jacke hinausschmuggeln, wird jedoch vom Ladendetektiv erwischt. Das Mini-Drama in Schwarz-Weiß nimmt daraufhin eine überraschende Wendung. Ganz ohne Dialoge, nur durch Kameraeinstellungen, Mimik und Gestik wird dabei die Gefühlswelt der gezeigten Personen den Zuschauern nahegebracht. Und durch das Sounddesign: „Ich habe schnell gemerkt, dass ich bei diesem Film mit Sounds Geschichten erzählen kann, die im Bild nicht sichtbar sind“, beschreibt Maximilian Sattler die Erfahrung, Motive und das Innenleben der Figuren akustisch weiterentwickeln zu können. Dafür brauchte es neben der Komposition einer Musik auch Sounds, die Sattler teilweise selbst aufnahm. „Im Film steigen die Figuren am Ende in ihr Auto. Ich habe dafür in meinem eigenen Fahrzeug Geräusche wie das Anlegen der Sicherheitsgurte oder das Piepen eines Warntons aufgezeichnet und in den Sound integriert.“ Am Ende wurden musikalische Elemente und Klang-Versatzstücke dann zu einem homogenen Ganzen verbunden. Und zwar so gut, dass die Jury des Kölner Wettbewerbs anerkennend urteilte, die Effektivität des Sounddesigns habe den Juroren „unerwartete Momente beschert, die uns laut auflachen ließen“. Mehr Lob geht wohl nicht.

Für Maximilian Sattler war der Gewinn des European Talent Award eine Bestätigung seines Bachelor-Studiums an der Robert Schumann Hochschule. Am Anfang hatte er allerdings etwas ganz anderes im Sinn: „Ich habe immer selbst Musik gemacht und wollte eigentlich Musikproduzent werden. Ich wusste gar nicht, was Sounddesign ist! Aber im Studium lernt man sehr viel Neues kennen und wird mit spannenden Sachen konfrontiert.“ Da ist es nur folgerichtig, dass der Musikproduzent in spe heute nicht nur am Mischpult sitzt, sondern für TV- und Spielfilmproduktionen als Ton-Assistent arbeitet oder die Soundkulisse für einzelne Sendungen entwirft.

Andreas Grimm, Professor für Medienkomposition an der RSH, ist stolz auf die vielfältigen Möglichkeiten des Studiengangs – „Medienkomposition ist nicht hermetisch!“ – und räumt auf mit dem Mythos vom Künstler, der im stillen Kämmerlein auf Inspiration wartet:

„Sounddesign ist heute meistens Teamarbeit, auch wenn Deutschland dabei noch etwas hinterherhinkt. Bei internationalen Produktionen ist der Sound gleichberechtigt mit der Komposition der Musik. Das ist der Standard. Deshalb behandeln wir im Studium am Institut für Musik und Medien auch alle Bereiche der bildbezogenen Tongestaltung und schulen bewusst die Fähigkeit, im Team unter Druck zu arbeiten.“ Über die Projekte, die die Studierenden absolvieren, erhalten sie einen ganz konkreten Einblick in die Berufspraxis. Grimm: „Es geht darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, Perspektiven auszuloten und niederschwellige Angebote für ein gewisses Grundhandwerk bereit zu stellen.“

Grimms Studierende sitzen dabei nicht im akademischen Elfenbeinturm. Projekte werden gezielt unter realen Produktionsbedingungen realisiert. Grimm: „Eine wichtige Rolle spielen beim Sounddesign zum Beispiel die sogenannten Obstacles, also vermeintliche Hindernisse, die den Rahmen für die kreative Gesamtleistung einengen. Das sind Elemente wie das Budget, die Länge des Films, der Zeitplan oder auch konkrete musikalische Vorgaben. Manche Regisseure haben da sehr konkrete Vorstellungen. Sie wollen vielleicht keine Gitarren im Score einsetzen oder ähnliches. Wir möchten den Studierenden vermitteln, dass diese Vorgaben Teil einer professionellen Herangehensweise sind und oft auch ein kreativer Anschub sein können.“

Eines gehört ebenfalls immer dazu: „Wenn Du keine Filme magst, solltest Du auch keine Musik dafür komponieren“, betont Andreas Grimm. Abschrecken sollte das aber niemanden, denn seine Studierenden dürfen diese Liebe zum Bild ganz in Ruhe entdecken. So wie Maximilian Sattler, der sich durch seine Projektarbeit nun auch jenseits von Wettbewerben für die Möglichkeiten des Sounddesigns begeistert: „Das ist einer der wenigen Bereiche, wo der alte Grundsatz ‚Weniger ist mehr‘ nicht gilt. Du hast die Möglichkeit, dem Film wirklich etwas hinzufügen und kannst den Gesamtein- druck viel dreidimensionaler gestalten. Und das ist toll!“

Text: Carsten Sobek
Foto: Susanne Diesner



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