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20.10.2021

Fühle, Künstler, grüble nicht!

Franziska Martienßen-Lohmanns Meisterkurse in Luzern, Foto: Mus.Nachl.F.Martienssen-Lohmann, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv

Sie war eine Große in einer Männerwelt. Eine Frau mit vielen Talenten. Eine Starke, eine Intellektuelle, eine Einfühlsame. Vor allem eine, die Schwellen überschritt, Gegensätze überwand und selbstbewusst schon in jungen Jahren den Chor der Veränderung im beginnenden 20. Jahrhunderts mit ihrer Stimme bereicherte. Zum 50. Todestag der großen Düsseldorfer Gesangspädagogin Franziska Martienßen-Lohmann veranstaltete die Hochschule ein zweitägiges Symposium.

Franziska Martienßen-Lohmann (1887-1971) hat die Gesangspädagogik revolutioniert, sie hat im Fahrwasser der Reformpädagogik die professionelle Ausbildung von Sängerinnen und Sängern neu gedacht, neu erfunden. Sie hat das frische Wissen um die Physiologie der Stimme mit der Idee der Freiheit verknüpft, den Lernenden ins Zentrum der Lehre gestellt, in ihren Schriften die Kunsttheorie der Zeit befruchtet, in ihren Ideen vom »Wissenden Sänger« und von der »geistigen Klangvorstellung« so etwas wie funktionales Hören oder mentales Training vorausgedacht. Und gegen Ende ihres langen Lebens, nach dem Kriege, hat sie am damaligen Robert-Schumann-Konservatorium Düsseldorf in ihrer Meisterklasse nicht nur Heerscharen von Schülern unterrichtet, sondern ihr Brennen für die Gesangspädagogik an eine neue Generation von Lehrenden weitergereicht.

Ihre über die Grenzen berühmte stimmbildnerische und künstlerische Arbeit hat das stetig wachsende

Ansehen des Instituts gefördert und die Gründung der heutigen Robert Schumann Hochschule mit

grundgelegt. Ihre Konzepte sind nach wie en vogue. Damit ist es so konsequent wie naheliegend, dass die

Robert Schumann Hochschule ihrer Grande Dame der Gesangspädagogik zum 50. Todestag nicht etwa einen Festakt, sondern gleich ein zweitägiges Symposion ausrichtet.

Anja Paulus, Gesangs-Dozentin und stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte, und Wolfgang

Rüdiger, Leiter des Fachbereichs Musikpädagogik, liefen mit ihrem Ansinnen bei den angefragten Referentinnen gewissermaßen offene Türen ein. Barbara Hoos de Jokisch von der HdK Berlin etwa stellte

Martienßen-Lohmanns praktische wie theoretische Abwendung von der Klangideal-fixierten Belcanto-

Schule in den Zusammenhang der Entwicklung der bildenden Kunst der 1910er und 20er Jahre. Franziska Martienßen-Lohmann biografischen Stationen von der blutjungen Schauspielerin zur Pianistin (mit rund 20) und schließlich zur Sängerin und Gesangs-Professorin (in Leipzig, München, Berlin, Weimar) entdecken eine große Frau, die sich im Dialog mit Großen Männern stetig weiterentwickelt. 


Ihre über fünf Jahrzehnte erschienenen Lehrbücher gehören immer noch zum Standardwerk der Gesangspädagogik. Das Netzwerk ihrer Schülerinnen, so zeigt Enkelschülerin Lore Sladek aus Krefeld, ist nahezu unüberschaubar. Franziska Martienßen-Lohmann bildete in ihrem Leben an die 1000 Sängerinnen und Sänger aus, Dietrich Fischer-Dieskau als einer der berühmtesten, kam noch kurz vor ihrem Tod in den Genuss ihrer Ausbildung und Freundschaft.

In peniblen Listen führte die Pädagogin pointiert und keineswegs beschönigend Buch über Fähigkeiten, Schwächen und Fortschritte ihrer Schüler, die sie selbst zum Führen von Stimmtagebüchern

anleitete. In den Erzählungen und Anekdoten erscheint sie so als unnachgiebige wie einfühlsame Lehrerin,

die ein gleiches Maß an Selbstdisziplin von sich wie von ihren Schülerinnen und Schülern erwartete.

Dabei muss ihre Freundlichkeit gewinnend gewesen sein: Bei aller Strenge in der Sache soll es kaum vorgekommen sein, dass eine Schülerin den Unterricht nicht mit einem Lächeln und innerlich beglückt verlassen habe. 
                

Die Erkenntnisse und Methoden, die Franziska Martienßen-Lohmann bis zu ihrem Tod in Düsseldorf 1971 stetig verfeinerte, sind heute noch Grundlage der aktuellen Gesangsausbildung und Atemarbeit, die mit neuen Methoden der Naturwissenschaft und Psychologie das von ihr Grundgelegte weiterentwickeln. Einer ihren vielen Lehrsätze, die ihren neuen, ganzheitlichen Ansatz beleuchten, lautet: Arbeit am Atem heißt Arbeit am Körper. Ein anderer: Fühle, Künstler, grüble nicht.

Zeitlebens fördert sie die Natürlichkeit des Singens bei gleichzeitigem Wissen seiner Bedingungen. Dass die Robert Schumann Hochschule das Symposium zu Ehren Martienßen-Lohmanns »Passaggio« betitelt, führt einerseits die jedem Sänger vertraute Passaggio-Arbeit, das Angleichen der stimmlichen Register vor Augen. Andererseits nimmt die Metapher vom Übergang Bezug auf die Stellung, die Martienßen-Lohmann in ihrer Zeit und in der Kunst der Gesangsausbildung innehatte. Mit dieser großen Pädagogin änderte sich das Selbstbewusstsein eines gesamten Berufsstandes. 

Was Franziska Martienßen-Lohmann schriftstellerisches Vermögen anbetrifft, so erschöpft es sich mitnichten in der Publikation von Fachbüchern, das wurde auf der Passaggio-Tagung in Düsseldorf ebenfalls deutlich. Franziska Martienßen-Lohmanns hinterlassene Gedichte, so sehr sie in Ton und Gegenstand ihrer Zeit verbunden sind, stellen einen respektablen Teil ihrer Künstlerpersönlichkeit dar. Ihr zu Ehren trägt der Musikpädagogik-Seminarraum der Hochschule im neuen Gebäude e auf dem Campus Golzheim ab sofort den Namen Martienßen-Lohmann-Saal.   

Armin Kaumanns



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