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19.01.2018

Pleitgen lobt Engagement in Kiew

Fritz Pleitgen und Raimund Wippermann
Sturmtief Friederike wirbelte auch den traditionellen Neujahrsempfang der Hochschule auf. Die festliche Veranstaltung mit Gästen aus Politik, Kultur und Gesellschaft begann am Donnerstag eine halbe Stunde später als geplant, da der Gastredner, der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen, mit dem Auto im Rheinufer-Tunnel feststeckte. Zu diesem Zeitpunkt standen bereits alle Busse und Bahnen in NRW still.

Trotz gelichteter Reihen im Publikum konnte Rektor Raimund Wippermann viele wichtige Gäste begrüßen, darunter den französischen Generalkonsul in Düsseldorf, Vincent Muller, den Intendanten der Deutschen Oper am Rhein, Prof. Christoph MeyerOberst Christoph Lieder vom Musikkorps der Bundeswehr und Prof. Karl-Heinz Petzinka, Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie. Auch die Freunde und Förderer der Hochschule waren zahlreich erschienen, darunter Sieghardt Rometsch und Friedrich-Wilhelm Hempel

Das Programm, das Prof. Thomas Leander als Prorektor der Hochschule ausgesucht hatte, bildete wieder das gesamte Spektrum der musikalischen Ausbildung ab. Zu Beginn erklang von der Empore des Saales ein zeitgenössisches Werk von Erik Morales für fünf Trompeten. Danach spielten die Gewinner des Sieghardt-Rometsch-Wettbewerbs einen Satz aus dem Streichquartett f-Moll op. 80 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Am Schluss begeisterte das Derendorfer Salonorchester mit einem hervorragenden Big-Band-Sound. 

Gastredner Fritz Pleitgen widmete seine Festrede der krisengeschüttelten Ukraine. Dabei griff der ehemalige Russland-Korrespondent eine Initiative des Musikwissenschaftlichen Instituts der Hochschule auf. Die Kooperationen der Düsseldorfer Wissenschaftler mit Partnern aus Kiew lobte er als beispielhaft. Die eigenwillige Musikkultur mit ihren Kosaken- und Kirchenliedern, die auch einen starken Einfluss auf die zeitgenössischen Komponisten des Landes habe, sei ein Gewinn für die europäische Kultur. Die von der Hochschule aufgebaute Zusammenarbeit nannte er „Volksdiplomatie” im Sinne von Lew Kopelew, dessen Name für Kultur, Humanität und besonders für die deutsch-russische Freundschaft stehe. 

Lesen Sie hier die Rede von Fritz Pleitgen im Wortlaut:

 

Verehrte Gäste,


Sie werden sich fragen, warum ausgerechnet einem Journalisten im Ruhestand die Ehre zuteil wird, das Grußwort auf dem Neujahrsempfang der Robert Schumann Hochschule an Sie zu richten. Dieselbe Frage stelle ich mir auch. Auf der Suche nach einer schlüssigen Antwort bin ich auf ein Projekt gestoßen, das mich ebenso interessierte wie wichtig erschien. Es ist auf den ersten Blick eher bescheiden, aber wie ich finde, für ganz Europa nachahmenswert. Warum? Darüber möchte ich jetzt zu Ihnen sprechen.
 

Es geht um eine musikwissenschaftliche Kooperation zwischen Düsseldorf und Kiew. Genauer gesagt um den Einfluss der Volksmusik auf die Kunstmusik. Wie Sie wissen, befindet sich die Ukraine in einer schwierigen Lage. Die Assoziierung mit der EU hat sie teuer bezahlt: mit der Feindschaft des großen Nachbarn Russland, mit dem Verlust der Krim und einem unerträglichen Krieg im Osten des Landes.

Von dem Wechsel zum Westen hatten sich die Menschen in der Ukraine viel versprochen: mehr Demokratie, ein effizientes Wirtschaftssystem und eine zeitgemäße Sozialordnung. Daraus ist wenig geworden. Nach anfänglichem Elan ließ das Engagement des Westens schnell nach. Erst kommt der Hype, dann die Ernüchterung durch die Mühen der Ebene. Wir hatten schnell andere Sorgen: Brexit, Griechenland, Flüchtlingskrise, Differenzen mit US-Trump.

Die Ukraine verschwand mehr und mehr aus unserem Gesichtsfeld. Doch das Land braucht unsere Zuwendung. Nicht nur materiell, es braucht ebenso Respekt und Anerkennung, um ein Partner auf gleicher Augenhöhe zu werden. Die Ukraine ist nicht reich an Bodenschätzen, sie ist auch kein IT-Weltmeister, der uns mit Top-Personal aushelfen kann. Trotzdem kommt die Ukraine nicht mit leeren Händen in die Europäische Union. 

Da ihre Geschichte eng mit der Russlands verflochten war, ist uns im Westen entgangen, dass die Ukraine eine inspirierend eigenwillige Kultur besitzt, die die kulturelle Vielfalt der Europäischen Union um ein ebenso vitales wie emotionales  Element bereichern wird. Dies gilt insbesondere für die Musik, vornehmlich für die von Kosakenliedern und Kirchengesängen geprägte Volksmusik.

Zu den besten Erfahrungen meines Lebens zählt meine Freundschaft zu Lew Kopelew. Er wurde in Kiew geboren, bezeichnete sich aber stets als Russe. Die Ukraine blieb ihm dennoch Zeit seines Lebens nah und teuer. Im kulturellen und historischen Milieu der beiden Länder kannte sich der Germanist und enge Freund der Nobelpreisträger Böll und Sacharow bestens aus. Er schrieb der Ukraine schon zu Sowjetzeiten entgegen der offiziellen Moskauer Linie eine eigenständige Kultur zu. Seine große Liebe gehörte der ukrainischen Volksmusik. Sie übe auf ihn eine noch stärkere Macht aus als seine Lieblings-Sinfonien, schrieb er in seinen Memoiren. 

Die Tradition der Volksmusik ist in der Ukraine bis heute ungebrochen, stellten Raimund Wippermann und sein Kollege Volker Kalisch bei einem Besuch in Kiew fest. Diese Volksmusik entfalte sich in vielschichtigen musikalischen Formen - von einfachen Liedsätzen bis zu komplexen Bearbeitungen, die die Grenzen zur Kunstmusik überschritten. Raimund Wippermann und Volker Kalisch fassten einen Entschluss, der Lew Kopelew entzückt hätte. Sie begründeten eine Zusammenarbeit zwischen der Kiewer Nationalen Universität für Kultur und Künste und der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf.

Gaukler und Spielmänner

Es gibt viel Interessantes zu erforschen. Zum Beispiel die Geschichte der Kobzari und Banduristi. Sie spielten in der Geschichte der Ukraine eine wichtige Rolle. Sie lieferten als Wandersänger Jahrhunderte lang, was wir heute Ruckzuck von Radio, Fernsehen und Internet erhalten: Information und Unterhaltung. Sie waren Gaukler und Spielmänner, die von Ort zu Ort zogen. 

Ihre Ära begann in der Blütezeit der Kosaken, vom 16. Jahrhundert an. Benannt wurden sie nach ihren Instrumenten. Die Kobza war eine Art Laute, sehr einfach: mit vier bis sieben Saiten. Im Laufe der Zeit wurden die Instrumente verfeinert, bis zu 45 Saiten. Dieses Instrument heißt Bandura. Die Sänger und Gaukler verbreiteten Nachrichten, sie klärten ihre Mitbürger über Entwicklungen im Land auf, und sie warnten vor heraufziehenden Gefahren. Beim Volk waren sie sehr beliebt, bei der jeweiligen Obrigkeit allerdings nicht so, weil sie weitergaben, was wirklich geschah. Ihre Auftritte waren Ereignisse, auf die sich die Bevölkerung freute.

Von Meistern ausgebildet boten sie den Menschen hohe Kunst. In Balladen und Epen erzählten sie die Geschichte des Landes. Organisiert in Gilden und Bruderschaften zogen sie durch das ganze Land. Meist waren sie blind oder sie hatten andere Gebrechen. Mit ihren Auftritten konnten sie trotz der Behinderungen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Stalin waren sie ein Dorn im Auge. Er ließ sie umbringen, weil sie das Volk mit der Wahrheit versorgten. Der weißrussische England-Emigrant Schostakowitsch, nicht zu verwechseln mit dem Komponisten, hat in seinen Memoiren darüber ein grausiges Kapitel geschrieben. In der deutschen Besatzungszeit wurde mit den blinden Sängern genauso menschenfeindlich und mörderisch umgegangen wie unter Stalin. 

Lieber Herr Wippermann, lieber Herr Kalisch,

ich bin sicher, Sie werden in der Zusammenarbeit mit Ihren Kolleginnen und Kollegen in Kiew wichtige und berührende Entdeckungen machen. Nicht von ungefähr ließen sich Komponisten von Rang wie Tschaikowskij und Strawinskij von der ukrainischen Musik inspirieren. Franz Liszt ebenfalls in seinen Klavierstücken „Ukrainische Ballade“ und „Dumka“ sowie in seinem sinfonischen Poem „Masepa“. Und auch die deutsche Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts profitierte von der Ukraine, durch den Komponisten Dmitro Bortnjanski

Wenn wir es mit der Ukraine wirklich gut meinen, dann sollten dem Beispiel der Robert Schumann Hochschule Tausende andere folgen. Bei 28 Staaten der EU ist das kein Ding der Unmöglichkeit. Felder gibt es genug: in der Wirtschaft, in der Kultur, in der Wissenschaft und im Sport. Dadurch können trag- und krisenfeste Brücken gebaut werden. Lew Kopelew hatte dafür eine attraktive Formel. „Volksdiplomatie“ nannte er sein politisches ideal. 

Der russische Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels hielt die Beziehungen zwischen den Völkern für zu wichtig, als dass er sie allein den Regierungen überlassen wollte. Respekt voreinander und Vertrauen über die Grenzen hinweg seien dauerhaft nur herzustellen, wenn sie von den Bevölkerungen getragen würden. Die Bürgerinnen und Bürger sollten ebenso wie gesellschaftliche Einrichtungen von sich aus Brücken schlagen zu Ihresgleichen in anderen Ländern. Das Kiewer Projekt der Robert Schumann Hochschule hätte Aussicht, auf Kopelews Liste der besten Beispiele zu kommen. 

Mit dieser Feststellung könnte ich es bewenden lassen, aber das ist nur eine Seite der Medaille. Es tut mir Leid für Sie. Teil II meiner Ausführungen hat nicht mit Musik und Harmonie zu tun, sondern mit Politik und Zwietracht. Ziemlich dröger Stoff! Wenn Sie das Angebot im wahrsten Sinne des Wortes durchgestanden haben, wird es wieder licht, patriotisch formuliert als „Düsseldorfer Wünsche“. 

Gehören die Ukraine und Russland nicht zu Europa? 

Die Kehrseite zur politischen und medialen Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Ukraine ist das völlig entgleiste Verhältnis des Westens zu Russland. In den Sondierungen zwischen Union und SPD wurde kein Wort über den Krieg in der Ostukraine und das entgleiste Verhältnis zu Russland verloren. Deutschland will doch wieder Motor für das vereinte Europa werden, so Martin Schulz. Gehören die Ukraine und Russland nicht zu Europa? Dabei sah es vor gar nicht langer Zeit noch hoffnungsvoll aus, wenn man den 16. Juli 1990 zum Referenzpunkt mitnimmt.  

Der 16. Juli 1990 war einer der besten Tage in der deutschen Geschichte; in der Bedeutung gleichzusetzen mit dem Fall der Mauer. Am 16. Juli 1990 gab der Russe Gorbatschow, Präsident der damaligen Supermacht Sowjetunion, den Weg frei für die Deutsche Einheit, die Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands in der Nato und den zügigen Abzug der sowjetischen Besatzungssoldaten von deutschem Territorium. 

Was nach den Gesprächen mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundesaußenminister Hans Dietrich Genscher auf der Pressekonferenz im kaukasischen Kurort Schelesnowodsk betont sachlich vorgetragen wurde, veränderte die Welt. Es forcierte den politischen und militärischen Zusammenbruch des Ostblocks. Die westlichen Bündnisse blieben und dehnten sich nach Osten aus, bis an die Grenze Russlands. Die früheren Verbündeten Moskaus wechselten in die Nato und EU, ebenso die ehemaligen baltischen Sowjetrepubliken. Die Sowjetunion löste sich auf. An ihre Stelle trat – auf die Hälfte geschrumpft - die russländische Föderation, im allgemeinen Sprachgebrauch „Russland“ genannt. 

Traum vom ewigen Frieden

Russland erfüllte getreulich die Vereinbarungen von Schelesnowodsk, obwohl Gorbatschow sehr bald der Mehrzahl seiner Landsleute als Verräter galt, der sein Land ausverkauft habe. International herrschte hingegen euphorische Stimmung. Vom ewigen Frieden wurde geträumt. Es ist anders gekommen. 

Das Verhältnis des Westens zu Russland ist gegenwärtig von Misstrauen und Feindseligkeit geprägt.  Russland wird bei uns in auffallender Homogenität von Politik und Medien als Aggressor und sein Präsident Putin als gewalttätiger Diktator gesehen. Zu diesem Bild hat Moskau entscheidend beigetragen: mit der Annexion der Krim und dem Hybrid-Krieg in der Ostukraine. Und der Westen? Hatten Kohl und Genscher das gegenwärtige Verhältnis Bild vor Augen, als sie mit Gorbatschow über die Zukunft Europas sprachen? 

Ganz bestimmt nicht! Kohl wusste, dass für Moskau im Ost/West-Verhältnis das Thema „Sicherheit“ die oberste Priorität hatte. Er hatte dafür Verständnis nach den Erfahrungen, die Russland in seiner Geschichte gemacht hatte. Deshalb entwickelte er ein Konzept von Abrüstungs- und Kooperationsvereinbarungen, das anfangs zu guten Ergebnissen führte, dem aber ziemlich schnell die Luft ausging. 

Charta für ein neues Europa

Das gleiche Schicksal erlitt die „Charta für ein neues Europa“, sie wurde im November 1990 in Paris beschlossen. Als Kernpunkt sicherte das Abkommen von Paris“ allen 34 Unterzeichnerstaaten, d.h. den Europäern wie den USA und Kanada, gleiche Sicherheit zu. Feierlich wurde das Ende der Konfrontation zwischen Ost und West besiegelt. Großmütig verzichtete der amerikanische Präsident George Bush Senior auf den Anspruch, nun die alleinige Supermacht zu vertreten. Er begnügte sich mit der Rolle „second to none“. Das heißt: Zweiter zu sein, ohne eine andere Macht über sich zu haben.  

Dieses vielversprechende Abkommen ist noch in Kraft, aber es wird nicht danach gehandelt. Die Regierungen wechselten, die Nachfolger konnten und können mit dem Geist von Paris 1990 nichts anfangen. In Konfliktfällen wie Georgien- oder Ukraine-Krieg wurden die für solche Fälle geschaffenen Krisen-Einrichtungen nicht aktiviert, sondern zur Bestrafung Russlands ausgeschaltet. Auch der wichtige Nato/ Russland-Rat wurde aus dem Gefecht genommen, als er eigentlich gefordert war. Wenn er tagt, dann nur auf Botschafter-Ebene, auf der nichts entschieden werden kann.

Der Traum vom Ende der Konfrontation war schon ausgeträumt, als die USA 2002 den ABM-Vertrag mit Russland kündigte, der ein wichtiger Bestandteil des Abkommens über den Abbau von Strategischen Waffen war. Stattdessen wurde an der Errichtung eines Raketen-Abwehrzauns in Polen und auf dem Balkan gearbeitet. Angeblich gegen Raketen aus dem Iran. Es ist klar, gegen wen das System in Wirklichkeit gerichtet ist. In Sachen Glaubwürdigkeit erzielen beide Seiten keine Höchstwerte. 

Schon vorher hatte sich die Nato bis an die Grenze zu Russland bei Petersburg ausgedehnt, wobei nicht auf den Rat von 40 führenden amerikanischen Politikern gehört wurde, allesamt eher Hardliner als Tauben, wie Sam Nunn, Paul Nitze und Robert McNamara. Auch George Kennan, der beste Russland-Kenner der USA, hat vor der Erweiterung gewarnt: dieser Schritt würde zu nationalistischen und militaristischen Reaktionen Russlands führen.

Russland blieb außen vor

Dass die baltischen Staaten den Schutz durch die Nato suchten, war auf Grund historischer Erfahrungen verständlich und auch mit dem Prinzip der gleichen Sicherheit der Paris-Charta vereinbar. Dieser Grundsatz müsste allerdings auch für Russland gelten. Dafür war eine strategische Partnerschaft ins Auge gefasst worden. Daraus ist allerdings nie etwas geworden. Im gemeinsamen europäischen Haus, von dem Gorbatschow gesprochen hatte, gab es für die Russen keinen Platz. Die gleiche Erfahrung machte Wladimir Putin. In seiner Berliner Rede bot er dem Westen Russlands Zusammenarbeit an, um gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Die Bundestagsabgeordneten spendeten ihm stehend Beifall, aber die entsprechende Reaktion blieb aus. Russland blieb außen vor.

Russland ist kein demokratisches Land unseres Zuschnitts. Das hat Putin auch nie behauptet. Er spricht von einer gelenkten Demokratie, ein Euphemismus für Autokratie. Demokratie, das sehen wir in vielen anderen Ländern, ist nicht einfach. Ein Volk, das wie Russland über Jahrhunderte, also über die ganze Strecke seiner Existenz von Tyrannei und Diktatur beherrscht wurde, lernt nicht in wenigen Jahren Demokratie. Das wird noch viele Jahrzehnte dauern. 

Anerzogene Demokratie im Westen

Wir können uns nicht als Vorbild aufspielen. Auf dem Wege zur Demokratie wählten die Deutschen schon nach wenigen Jahren ein Terror-Regime, das mit millionenfachem Mord und Verwüstungen Europa heimsuchte und schließlich das eigene Land als Trümmerhaufen hinterließ. Die Demokratie, die wir heute haben, ist uns von den westlichen Siegermächten, USA und Großbritannien anerzogen worden. 

Russland ist kein homogenes Land. Es besteht aus vielen Völkerschaften, von denen die Russen die größte stellen. Mit weitem Abstand folgen Tataren, Ukrainer, Baschkiren, Tschuwaschen, Kaukasier, Deutsche, Polen, Juden. Allesamt in unterschiedlichen Verfassungen. Insgesamt ein ungefestigtes Gebilde namens „Rossiskaja Federazia“. 

Diese „Russländische Föderation“ ist nach meiner Beobachtung immer noch auf der Suche nach ihrer Identität.  Ruhe und Zeit dazu wird ihr von der internationalen Politik, insbesondere vom Westen nicht gelassen, aber auch nicht vom Kreml. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die neue russländische Föderation durch eine Geschichtsphase wie durch einen Fleischwolf gegangen. Das frühere Staatsgebiet schrumpfte wie die Bevölkerungszahl auf die Hälfte. Das Land durchlitt zwei Bürgerkriege, zwei Putsche, vom Westen empfohlene schmerzhafte und gescheiterte Reformen, Versorgungskatastrophen am laufenden Band; die Menschen verkauften ihr letztes Hab und Gut, um zu überleben, das ganze Land glich einem Basar, Staatsbankrott und innerer Zerfall drohten, die Staatsmacht verlor jede Autorität, Korruption und Rechtlosigkeit halten sich bis heute. Aus der einstigen Supermacht war ein Häufchen Elend geworden. 

Nie wieder Schwäche zeigen

In dieser Schwächezeit war der Westen vorgerückt. Wenn man die Aktionen und Reaktionen des gegenwärtigen russischen Präsidenten Putin verfolgt, dann scheint er sich von der Maxime leiten zu lassen: nie wieder Schwäche zeigen.  Es war eine aufregende und auch bedrückende Zeit, die ich als Fernsehreporter zusammen mit unserem legendären Gerd Ruge erlebte. Als positiv nahmen wir die Freiheit der Medien und der Künste wahr. Sie ist leider inzwischen stark eingeschränkt worden, aber Russland dringend zurückzuwünschen. Ohne Freiheit von Presse und Kunst kommt kein wettbewerbsfähiger Staat zustande. Das ist nicht nur meine Erfahrung. 

Wir alle, nicht zuletzt die Politiker, lassen uns bei unserem Handeln von eigenen Erfahrungen leiten. Dies dürfte auch für Putin gelten. In seinen jungen Jahren war er  als KGB-Agent in Dresden eingesetzt worden. Die DDR war damals die härteste Bastion des Sowjetimperiums. Auf ihrem engen Territorium waren 550 000 Sowjetsoldaten und 170 000 NVA-Soldaten stationiert, alle hoch gerüstet. Dazu kamen zwei dominant agierende Geheimdienste und eine Partei als Diktatorin des Staates. Trotzdem fiel diese Festung wie ein Kartenhaus zusammen. Nicht wegen der Nato! Sie war der Nachbarschaft mit der prosperierenden Europäischen Union, in Gestalt der Bundesrepublik Deutschland nicht gewachsen. Mauer und Stacheldraht konnten nicht verhindern, dass Tag für Tag über Radio- und Fernsehwellen Nachrichten von Wohlstand, Freiheit und Demokratie in die nur mangelhaft versorgte DDR strömten, was die ostdeutsche Bevölkerung auf Dauer zum innerlichen Wechsel auf die andere Seite veranlasste. 

Sein oder Nichtsein für Russland  

Als ARD-Korrespondent in der DDR konnte ich dies aus nächster Nähe verfolgen. Nun rückt die Europäische Union mit der Assoziierung der Ukraine direkt an die Grenze Russlands. Es entsteht die gleiche Situation wie damals im geteilten Deutschland. Auf beiden Seiten der Grenze wird dieselbe Sprache gesprochen. Die Kommunikation wird intensiv sein. Zu Radio und Fernsehen kommt nun noch das Internet. Putin, der die Schwächen seines Landes wie kein anderer kennt, muss damit rechnen, dass sich die unmittelbare Nachbarschaft zur EU für seinen immer noch ungefestigten Staat unaufhaltsam zu einer Frage von Sein oder Nichtsein entwickeln wird.

Lebenserfahrene und historisch interessierte Politiker wie Helmut Kohl, Willy Brandt und Helmut Schmidt hätten mit Sicherheit erkannt, dass Russland die EU-Assoziierung der Ukraine nicht widerstandslos hinnimmt. Von derartigen Skrupeln waren die Unterhändler der Europäischen Union nicht angekränkelt. Sie verhandelten mit Kiew, als ginge es um Island oder Luxemburg. Aus diesen Fehlern sollte gelernt werden. 

Und die Menschen in der Ukraine? Sie nahmen ihr gutes Recht auf Selbstbestimmung in Anspruch. Insbesondere die Jugend richtete ihre Hoffnung auf den Westen, während die Bevölkerung im Osten des Landes die enge Beziehung zu Russland nicht aufgeben wollte.

Drei Düsseldorfer Wünsche 

Wir stehen am Anfang eines neuen Jahres. Da kann man Wünsche äußern. Was ich wünsche, übersteigt vermutlich die Kräfte der Robert Schumann Hochschule. Welche Wünsche habe ich? Es sind nur drei, die als Düsseldorfer Wünsche in die Geschichte eingehen sollen. 

Erstens ein baldiges Ende des Krieges in der Ostukraine. Das Minsker Abkommen war eine große Leistung von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier. Es hat die Ausdehnung der Kampfhandlungen bei Donezk und Luhansk zu einem Flächenbrand verhindert. Aber die Vereinbarungen werden nicht zu einem Ende des Krieges führen. Kein ukrainischer Politiker kann es wagen die Auflagen des Minsker Abkommens zu erfüllen. Für Moskau ist das ein willkommener Anlass, seinerseits den erforderlichen Auflagen nicht nachzukommen. Deshalb sollte ein neuer Anlauf unternommen werden. 

Die Europäische Union, das ist mein Wunsch Nummer zwei, sollte so bald wie möglich mit Russland Verhandlungen über eine Partnerschaft auf Augenhöhe aufnehmen, im Geiste der Charta von Paris. Dies sollte, mein Wunsch Nummer drei, zu einem gedeihlichen Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine führen, wie es zwischen zivilisierten Nachbarn, die auch noch aus einer Wiege stammen, sein sollte. Dazu gehört natürlich Entschlusskraft, wie sie von Raimund Wippermann und Volker Kalisch bei ihrem Kiewer Projekt an den Tag gelegt wurde. Als Alternative täte es auch die Neuauflage einer Politik, wie sie von Brandt und Kohl praktiziert wurde. 

Ich wünsche Ihnen ein höchst erfreuliches Jahr 2018, beruflich wie privat. Sollten die Düsseldorfer Wünsche in Erfüllung gehen, dann könnten die Herren Wippermann und Kalisch in St. Petersburg mit der Staatlichen Universität für Kultur und Kunst ein russisches Pendant zum Kiew-Projekt auflegen. Dafür gäbe es die Chance auf den Preis für Frieden und Menschenrechte vom Kopelew-Forum. Think big! 

Ich hoffe, Sie haben bei der nächsten Neujahrsansprache mehr Glück mit dem Redner. Danke trotzdem für Ihre Aufmerksamkeit!                                    



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