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09.04.2019

Das Publikum liebt groben Unfug

Probe mit Marcus Lobbes (Mitte)
Einmal jährlich stellt die Opernklasse der Hochschule unter der musikalischen Leitung von Professor Thomas Gabrisch eine eigene Theaterproduktion auf die Beine. Am 24. April 2019 hat Benjamin Brittens kongeniale Vertonung von Shakespeares beliebter Komödie „Ein Sommernachtstraum“ nach mehrmonatiger Probenarbeit Premiere. Kurz vor der ersten technischen Einrichtung Mitte März sprach Elisabeth von Leliwa mit Regisseur Marcus Lobbes, dessen Klassiker-Umsetzungen bereits in vielen renommierten Theatern der Republik für volle Häuser und hervorragende Resonanz in der Fachwelt (z.B. Hauptpreis für die beste Regie beim Theatertreffen NRW 2014) sorgten.

Der Partika-Saal der Robert Schumann Hochschule, in dem die Produktionen der Opernklasse stattfinden, ist eigentlich gar kein Theaterraum – und damit eine Herausforderung für jedes Bühnenteam. Wie verwirklichen Sie den imaginären, phantasmagorischen Zauberwald des „Sommernachtstraum“ in diesem ungewöhnlichen Saal?  

Wir folgen der musikalischen Textur. Was wir bei Britten hören, ist ganz oft auch das, was wir sehen. Zumindest, wenn wir ein bisschen Bereitschaft zur Imagination mitbringen. Seine Musik ist eine sehr große Vorgabe, eine viel größere, als wenn es nur um das reine gesprochene Wort ginge. Mit seiner besonderen Architektur wäre der Partika-Saal nur sehr schwer illusionistisch zu füllen – und das wäre auch eher eine Anmutung ans 19. Jahrhundert, ein romantisierendes Missverständnis. Wir versuchen etwas anderes: in einer Art Shakespeare‘scher Tradition mit wenigen, gesetzten, kleinen Zeichen auszukommen.   Die Interpretation, die wir dabei anstreben, ist ganz simpel: Dass es tatsächlich Mühe macht, eine gute Theateraufführung für ein Publikum zu erarbeiten. Wir zeigen nicht schon am Anfang einen fertigen illusionistischen Raum. Sondern – mit ein bisschen Glück – wird dieser während der Aufführung entstehen. Das wiederum analog zum Werk, in dem die Handwerker versuchen, ein Theaterstück herzustellen – und mit bescheidenen Mitteln für einen großen Effekt sorgen.

Gerade mit Ihrer Erfahrung als Schauspielregisseur: Ist Brittens Oper für Sie der alleinige Referenzpunkt Ihrer Konzeption – oder spielt doch auch das Original mit hinein?  

Ich wüsste gar nicht, wie man das trennen kann, weil Britten nahezu gar nicht ins Original eingegriffen hat. Es sind zwar aus fünf Akten drei gemacht worden, aber es ist nicht so viel gekürzt, wie man denken könnte. Die Handlung ist nahezu vollständig erhalten. Es wird nichts umgedeutet, sondern angereichert. Brittens Version ist eine der wenigen solcher Opern, die ich für besser halte als die Originalvorlage, einfach weil sie so viele innere Räume durch die Musik nach außen öffnet – und das ist im Schauspiel nur schwer zu erreichen.  

Für einen Regisseur bieten gerade die Welten der Elfen und der Liebespaare im „Sommernachtstraum“ die unterschiedlichsten Deutungsmöglichkeiten …  

Das ist wohl wahr. Aber der Rahmen einer Hochschulproduktion ist meiner Meinung nach nicht dafür gedacht, unsere Findung als Bühnenteam für dieses Stück in den Vordergrund zu stellen. Sonst lernen die Studierenden zwar, was man alles mit Stücken machen kann, aber nicht, was sie selbst alles mit Stücken machen können. Daher versuchen wir, unsere Aufführung aus dem Kosmos der Robert Schumann Hochschule und des Partika-Saales heraus zu entwickeln. Aber dazu mag ich noch nichts verraten …  

Wie wirken sich die Rahmenbedingungen einer Hochschulproduktion auf Ihre Art des Regieführens aus?  

Es gibt natürlich Dinge, die mir über die Besonderheiten an diesem Ort bewusst sind, die ich aber – wie in jeder anderen Produktion – nicht thematisiere, denn jede Arbeit hat ihre Eigenheiten. Wir benehmen uns wie Profis, um eine professionelle Aufführung hinzubekommen. Und das versuche ich anzuleiten.  

Auf Ihrer Website heben Sie Ihr Interesse an kollektiven Arbeitsformen hervor …  

Ich kann gar nicht anders. Durch meine eher spezielle Art zu arbeiten lernen die Studierenden vielleicht eventuell etwas zusätzlich, weil sie von mir nicht im klassischen Sinne „eine Regie“ bekommen. Ich versuche wirklich, in der Moderation, im Gespräch und im Antippen Dinge ausprobieren zu lassen und gemeinsam zu entwickeln. Natürlich muss es Zuordnung geben – und meine Kompetenz ist es, vor der Bühne zu sitzen.

Eine andere Kompetenz ist es, auf der Bühne etwas zu können. Insofern maße ich mir zum Beispiel nicht an, den Darstellern und Darstellerinnen etwas vorzuspielen. Trotzdem bringen wir als Produktionsteam natürlich eine Idee zu einem Abend mit. In der Opernarbeit versuche ich grundsätzlich zu erklären, wohin eine Szene gehen soll, und sie in den Gesamtrahmen der Aufführung einzuordnen. Dann schaue ich aber: Wer traut sich etwas, wer mag mir oder den anderen etwas vorspielen? Und anhand dessen versuche ich herauszufinden, wie es weiter geht, und dabei das gesamte Gebilde im Blick zu behalten. Im Gespräch zu bleiben, das ist das Entscheidende.  

Wie funktioniert eine solche Vorgehensweise bei dem ungewöhnlich großen Ensemble, das Brittens „Sommernachtstraum“ verlangt?  

Wir haben alle Gesangsstudierenden – sei es im Chor oder solistisch – eingebunden, was ich großartig finde. Dadurch ist nahezu jede Rolle doppelt besetzt. Oft habe ich beide Besetzungen gleichzeitig auf den Proben und ich merke: Das, was die eine anbietet, kann die andere ergänzen. Dabei geht es nicht darum, die gleichen Schritte zu gehen, die gleichen Arme zu heben oder die gleichen Blicke zu werfen – nur die Bühnenpartner und Bühnenpartnerinnen müssen sich auf das Funktionieren der Inszenierung verlassen können, egal, wie die Besetzungen zusammengestellt sind. Das ist jetzt noch ein bisschen Bastelarbeit – doch dafür bin ich ja da!  

Wenn ich zusammenfassen darf: „Theater machen“ ist das pädagogische und inszenatorische Thema und Ziel Ihrer Produktion, mit Spaß und Lust inspiriert von Shakespeares Handwerkern, die in der Oper eine ganz zentrale Rolle spielen …  

… ehrlich gesagt mag ich die Handwerker-Szenen bei Shakespeare gar nicht!  

Aber Brittens Musik „inszeniert“ und verändert diese Szenen?

Definitiv. In der Oper sind die „Abräumer“ am Abend immer die Handwerker, da können die anderen noch so schön singen – vielleicht sollte man das gar nicht verraten: Das Publikum liebt groben Unfug. Aber wenn man als Ensemble gut auftritt, bekommen letztlich alle den Applaus, den sie verdienen.  

Um auf Ihre erste Frage zurück zu kommen: Der Zauber, den wir erreichen möchten, ist, die Menschen im Publikum immer mehr in unsere Art der Darstellung hineinzuziehen, sodass sie sich im Verlauf der Vorstellung kaum mehr an das erinnern können, was vor zehn Minuten gerade passiert ist. Wenn wir das schaffen, bin ich glücklich.    



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