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24.05.2017

Klänge im Kopf

Für Elias Jurgschat (Foto) gehört der Düsseldorfer Hauptbahnhof zu den interessantesten Orten der Stadt. Er mag die Lautsprecherdurchsagen, das Gemurmel der Reisenden, den Lärm eines durchfahrenden Güterzuges oder das Quietschen der Bremsen. Elias Jurgschat studiert Komposition. 

Die Vielfalt der Klänge fasziniert ihn. Und ab und zu regt ihn ein ganz banales Geräusch dazu an, sich an den Schreibtisch zu setzen und zu komponieren. Dazu braucht der 21-Jährige nicht viel. Ein Block mit Notenpapier und ein Bleistift reichen aus. Was er skizziert, wirkt konfus: Striche, Kreuze, Buchstaben und hin und wieder eine Note. Was bedeutet eigentlich der dunkle schwarze Balken? „Hier muss der Streicher pressen", erläutert der Student, der gerade ein Stück für ein Streichorchester schreibt. Viele Klänge lassen sich mit der Standard-Notation, die man aus der Schule kennt, nicht abbilden. Deshalb verwenden zeitgenössische Komponisten oft Schriftzeichen und grafische Symbole. Es sei wichtig, den gewünschten Klang sehr präzise zu notieren, betont Jurgschat. Daher versieht er sein Notationsvokabular mit Erläuterungen, sogenannten Legenden, um dem Musiker zu erklären, welche Stelle er wie spielen soll.

Alles ist bewegt

Die Klänge entstehen bei Elias Jurgschat im Kopf. Ein Klavier braucht er nicht. Trotzdem nimmt er immer wieder Instrumente in die Hand und probiert sie aus. Er sucht dabei nach ungewöhnlichen Tönen – Klänge, die keiner auf einer Bratsche oder einer Geige erwartet. Daher heißt eine seiner jüngsten Kompositionen auch „suchen", ein Stück für Flöte, Sopran, Cello und Klavier. „Alles ist bewegt und in permanenter Aktion, klanglich sehr elastisch", sagt er. Dem Studenten von Prof. Manfred Trojahn geht es nicht darum, Musik „bekömmlich" zu machen oder gar gefällig zu sein. Ihn interessieren sperrige Klänge und überraschende Momente. „Es gibt so viel Spannendes zu entdecken", sagt der junge Musiker.

Kompositionspreis des Deutschlandfunks

Mit seinem Stück suchen gewann Jurgschat im Frühjahr den Kompositionspreis des Deutschlandfunks, der im Rahmen des Deutschen Musikwettbewerbs verliehen wird. Die Preisträger erhalten nur eine vergleichsweise geringe Geldsumme, werden aber über eine Dauer von bis zu drei Jahren mit Beratungen, Konzerten und CD-Aufnahmen gefördert. Der Preis ist für Elias Jurgschat nicht nur ein wichtiger Schritt in seiner beruflichen Laufbahn, sondern auch ein großer persönlicher Erfolg. Die Uraufführung von suchen während des Preisträgerkonzertes in der Leipziger Musikhochschule bleibt ein unvergessliches Erlebnis. Er schwärmt davon, mit wie viel Einsatz und Leidenschaft die vier Musiker seine musikalische Idee umgesetzt haben.

Mit 13 Jahren begann er zu komponieren 

Die Musik ist Jurgschat nicht in die Wiege gelegt worden. „Meine Eltern haben überhaupt nichts mit Musik zu tun", erzählt Jurgschat, der in Solingen aufwuchs und noch immer dort wohnt. Mit 11 Jahren wollte er Klavier lernen, mit 13 Jahren begann er zu komponieren. Die Mutter erkannte sein Talent und rief den Solinger Musikschulleiter Ulrich Eick-Kerssenbrock an: „Der Junge hat nur noch Musik im Kopf". Der Pianist, auch ein Absolvent der Düsseldorfer Hochschule, erkannte sofort sein Talent und förderte ihn.

Kritik und Korrekturen 

2015 kam Jurgschat an die Hochschule. Während des Semesters ist der junge Mann fast jeden Tag in Düsseldorf. Klavierunterricht, Musiktheorie und Musikwissenschaft stehen auf dem Stundenplan. Einmal in der Woche treffen sich die angehenden Komponisten mit ihren Professoren, um die Arbeiten zu besprechen. Es gibt Lob, Kritik, Korrekturen und viele Diskussionen. Längst nicht alle Werke schaffen es auf die Bühne. „Viele Kompositionen landen in der Schublade", bedauert Jurgschat. Oft sei es schwer, Musiker zu finden, die sich mit einer zeitgenössischen Komposition auseinander setzen wollen. Deshalb sei es wichtig, rechtzeitig Kontakte zu knüpfen und Netzwerke aufzubauen.

Schwerer Stand der Neuen Musik

Zeitgenössische Musik hat nach wie vor einen schweren Stand in der Gesellschaft. Das Publikum, das oft nur ein Konzert besucht, weil es zum Abonnement gehört, sitzt dieser Musik oft verständnislos gegenüber. Vielleicht liegt es daran, dass viele Hörer meinen, ihnen fehle das Wissen, um die Klangbilder zu verstehen. Dabei reicht es oft aus, einfach zuzuhören und sich auf das Werk einzulassen. „Ich schreibe Musik für neugierige und offene Menschen", sagt Elias Jurgschat und meint damit sicherlich auch jene, die aufmerksam durch den Hauptbahnhof schlendern, um Geräusche zu entdecken.  



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