Your browser is not supported, please upgrade to the newest version.
04.11.2020

Glückskind dank harter Arbeit

Wer den Werdegang der jungen Opernsängerin Valerie Eickhoff verfolgt, kann den Eindruck gewinnen, ein wahres Glückskind zu erleben. Ein Erfolg reiht sich an den nächsten. Kaum etwas kann sie aufhalten. Hinter den Kulissen arbeitet die Studentin der Robert Schumann Hochschule hart und verzichtet auf so manches, was für ihre Altersgenossen selbstverständlich war. Porträt einer Opernsängerin, die es mal sehr weit bringen wird.

„Ich wusste sofort, dass die Stimme von erster Güte ist. Das war innerhalb von drei Sekunden hörbar“, erzählt Konrad Jarnot. Er ist Opern- und Liedsänger, Bariton, Professor für Operngesang an der Robert-Schumann-Hochschule, und hörte Valerie Eickhoff bei einem persönlichen Vorsingen. Der Professor ist wählerisch. „Der Draht muss stimmen“, befindet er, ehe er sich auf einen angehenden Sänger oder eine werdende Sängerin einlässt. Eickhoff ist so ein Fall.

«Ich war zu faul zum Üben»

Als sie Jarnot kennenlernte, hatte sie bereits eine kleine Karriere hinter sich. Und das mitten in der Pubertät. Geboren ist Valerie in Herdecke, einer Kleinstadt an der Ruhr im nördlichen Ennepe-Ruhr-Kreis in Nordrhein-Westfalen. Ihr Vater ist Kriminalpolizist in Bochum, ihre Mutter hat Bankkaufrau gelernt und kümmert sich heute um die Finanzen eines Start-up-Unternehmens. Klassische Musik hat beide nie groß interessiert. Und die Tochter noch weniger. Na gut, Blockflöte gehört zur Kindheit, aber die Eltern unterstützen auch noch den Gitarren-Unterricht. „Dann war ich zu faul zum Üben“, gibt Valerie unumwunden zu. Und doch wird die Gitarrenlehrerin für sie eine der wichtigsten Personen in ihrem Leben, denn sie ist diejenige, die ihr statt Gitarrenspiel Gesangsunterricht empfiehlt. Da war Valerie zehn Jahre alt.

Jungstudium in Düsseldorf

Schon früh lernt das Mädchen, nein zu sagen, wenn es sich in einer Situation nicht wohlfühlt. An der Chorakademie Dortmund hält sie es nicht lange aus. „Das war mir zu viel Druck und zu viel Drill. Das habe ich dann auch schnell beendet und gesagt, nein, das passt mir nicht“, erinnert Valerie sich. Aber das schmälert ihre Lust am Gesang nicht. Als ihre Gesangslehrerin sie auf die Möglichkeit eines Jungstudiums hinweist, setzt Mutter Eickhoff sich intensiv damit auseinander und schon bald geht es zu Vorsingen nach Frankfurt, Detmold, München, Düsseldorf und Köln. In Köln und Düsseldorf absolvierte Valerie schließlich ihre Aufnahmeprüfung, „weil die anderen entweder wegen der Entfernung ausgefallen sind oder weil es mir nicht gefallen hat“. Aus diesem Grund entfällt dann auch Köln. „Ja, wir machen das ganz langsam und entspannt. Und meine Tochter ist jetzt auch so alt wie du“, sagte ihr der damalige Professor. Aber das war überhaupt nicht Valeries Sache. Sie brauchte jemanden, der ihr klipp und klar sagt, was sie tun soll. Also begann sie ihr Jungstudium in Düsseldorf. Dass die Landeshauptstadt einmal ihre neue Heimat werden sollte, ahnte sie da noch nicht.

Das zündende Erlebnis gab es nicht

In der Schule läuft es leidlich. So guter Durchschnitt, bleibt Eickhoff in der Erinnerung im Ungefähren. Ausgerechnet das Mündliche war nicht so ihre Stärke. Viel schlechter hätte es aber nicht werden dürfen, sonst wäre ihr nebenschulisches Studium schnell beendet gewesen. Und die 16-Jährige wollte unter keinen Umständen darauf verzichten, einmal in der Woche nach der Schule oder auch mal am Samstag zum Gesangsunterricht zu fahren. Außerdem gab es alle zwei Wochen Blockunterricht, in dem sie Rhythmik, Musikgeschichte und -theorie lernte. Längst war in ihr die Liebe zum klassischen Gesang gewachsen. Den einen großen Moment, das zündende Erlebnis gab es nicht. Vielmehr begann die Schülerin allmählich, Gefallen daran zu finden, die klassischen Opern wie Zauberflöte oder Carmen zu besuchen und im Unterricht zu singen.


Als Valerie Eickhoff mit 18 ihr Abitur absolviert, sind die Weichen für die Zukunft schon gestellt. Ihre Schwester war nach dem Abitur erst mal nach Südafrika, später noch nach Kroatien gereist. Auch ihre Cousinen und Cousins trieb es nach der Schule in die weite Welt. Das kam für die junge Sängerin nicht in Frage. „Der Gedanke, dass ich dann ein Jahr lang nicht singe, das wollte ich nicht riskieren. Und da hatte ich irgendwie nicht das Bedürfnis. Also nicht groß genug anscheinend“, sagt sie in dem Bewusstsein, dass sie als erfolgreiche Opernsängerin ausreichend Gelegenheit haben würde, in der Welt herumzureisen. Und diese Wette auf die Zukunft scheint schon fast gewonnen.

Ernüchterung im Studium

Trotzdem folgt auf die erfolgreich bestandene Aufnahmeprüfung an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf die große Ernüchterung. „Ich war schon immer überzeugt, dass ich, was ich mache, gut mache. Und das fand ich am Anfang des Studiums sehr schwer, als man dann aus dieser Blase kam und sich mit Gleichgesinnten getroffen hat. Und dann feststellen musste, okay, ich bin jetzt doch nicht mehr die Beste hier“, erinnert Eickhoff sich. Hartnäckig und zielstrebig arbeitet sie in den kommenden Jahren daran, das zu ändern. Erst im dritten Anlauf erhält sie ihr Deutschland-Stipendium. Aber sie nimmt eben drei Mal Anlauf. Und ihr Lehrer, Konrad Jarnot, erinnert sich gern an ihr Bachelor-Studium. „Sie ist ein absolutes Vorbild für meine Studenten der Zukunft und auch für die, die mit ihr studiert haben. Sie ist fleißig gewesen, hat immer nach dem größtmöglichen Potenzial gestrebt. Und vor allem: Sie hat Geduld gehabt“, sagt er.


Rückblickend hat Eickhoff am Bachelor-Studiengang wenig auszusetzen. Mit großer Freude erinnert sie sich an den Schauspielunterricht bei Peter Nikolaus Kante, Sänger und Regisseur. Wenn man wollte, konnte man den ganzen Samstag bei ihm verbringen. Und eine Menge aus der Praxis lernen. Gerade mit der Praxis ist es allerdings etwas eng im Gesangsstudium. So gibt es an der Robert Schumann Hochschule auch nur ein bis zwei öffentliche Auftrittsmöglichkeiten. Aber gerade die wusste Valerie Eickhoff für sich zu nutzen. Einmal im Jahr veranstaltet die Opernklasse von Thomas Gabrisch eine Aufführung im Partika-Saal, dem Konzertsaal der Hochschule. Und vor zwei Jahren stand die Cenerentola auf dem Programm. In der Hauptrolle: Valerie Eickhoff.

Ein Auftritt, der ihr Leben verändern sollte. Die Zuschauer waren hingerissen. Unter ihnen Andreas Wendholz, Operndirektor und Stellvertretender Generalintendant am Theater Krefeld Mönchengladbach. „Nach der Aufführung bin ich zu ihr hingegangen, habe ihr gratuliert und ihr auch gesagt, dass ich sehr überzeugt war von ihrer Leistung“, erzählt Wendholz. Und er habe auch nicht vergessen zu erwähnen, dass sein Theater mit dem Opernstudio Niederrhein ein gutes Sprungbrett habe, um den alltäglichen Betrieb eines Stadttheaters kennenzulernen.

Opernstudio Niederrhein als Sprungbrett

Eickhoff bewirbt sich. Eigentlich nur, weil sie die Bewerbungssituation üben will. Wird aber natürlich sofort genommen. Nun hieß es also, Studien- und Berufsalltag zu meistern. Zum Studium nach Düsseldorf, zur Arbeit nach Krefeld oder Mönchengladbach, immer schön mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und das Theater nahm sie in die Pflicht. Im ersten von zwei möglichen Jahren im Opernstudio sang sie den Fjodr auf Russisch bei Boris Godunov, Schwester Mathilde auf Französisch in den Dialogues des Carmélites und gab im Operettenfach den Cupido in Orpheus in der Unterwelt. „Und alles hat sie mit einem wirklich tollen Engagement und einer enormen Professionalität gemacht“, bescheinigt Wendholz ihr. Bei aller Freude, die ihr die Arbeit bereitete: Nach einem Jahr strich Eickhoff die Segel. Und das konnte sie ja schon immer gut: Nein sagen, wenn sie sich in einer Situation nicht wohlfühlte. Sie beschloss, sich zunächst auf ihr Masterstudium zu konzentrieren und nicht länger einen Großteil ihres Lebens damit zu verbringen, zwischen Düsseldorf, Krefeld und Mönchengladbach hin- und herzufahren. 

Heute ist sie 24 Jahre alt und festangestellt im Ensemble der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg. Neben dem Studium selbstverständlich. Geplant war das nicht, als sie Stephen Harrison, zu der Zeit noch Operndirektor an der Rheinoper, heute im Ruhestand, bei einer Premierenfeier traf. Der erkundigte sich freundlich nach ihrem Werdegang, um sie anschließend auf das hauseigene Opernstudio hinzuweisen. Ein paar Tage immerhin vergingen, bis sie die Einladung zum Vorsingen erhielt – mit dem deutlichen Hinweis, dass mit einer Entscheidung nicht vor Ablauf vor drei Monaten zu rechnen sei. Einmal mehr aus Übungsgründen begab sich die Studentin auf die Bühne und trug zwei Arien vor. Anschließend wurde sie direkt in den Zuschauerraum geholt, wo Intendant Christoph Meyer ihr gleich einen Vertrag für das Opernstudio anbot.

Überraschung nach der Weihnachtsgala

Ein weiteres Jahr lang also Studium und Arbeit, aber ohne die Zwischenzeit im Öffentlichen Personennahverkehr zu verbringen. Damit fühlte Eickhoff sich wohl und vereinbarte mit Meyer einen Termin, um über das zweite Jahr im Opernstudio zu verhandeln. In der Woche vor diesem Treffen gab es nur noch die alljährliche Weihnachtsgala des Opernstudios. Für den Sängernachwuchs eine gute Gelegenheit, mit Orchester und Ensemble aufzutreten. Eickhoff hatte ihren Spaß an dem Abend, durfte sieben Mal auftreten und so einiges aus dem Barbier von Sevilla zum Besten geben. So hätte das Jahr schon gut zu Ende gehen können. Aber dann wurde sie nach dem Auftritt überraschend zum Gespräch mit dem Intendanten gebeten. Harrison und er, Meyer, hätten sich nach dem Konzert spontan entschieden, ihr einen Ensemble-Vertrag anzubieten. Der Rest ist Geschichte.


Opernsängerin zu werden, ist bis heute für viele junge Menschen ein Traumberuf. Dass die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt gerade für den Nachwuchs immer schwieriger werden, wird dabei gern übersehen. Valerie Eickhoff brachte wichtige Voraussetzungen mit, als sie sich für den Beruf entschied. Neben einer „goldenen“ Stimme brauchte es vor allem einen festen Willen und überdurchschnittlichen Fleiß, um zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und inzwischen weiß sie auch, dass das mit dem Glück eher eine relative Angelegenheit ist. Als sie selig ihrer Freundin von ihrem Glück berichtete, wie sich ihr Leben so entwickele, schüttelte die Freundin den Kopf. „Das ist kein Glück, meine Liebe, das nennt man Erfolg.“ Und der will erarbeitet sein. Eickhoff weiß heute schon, dass sie ihr Masterstudium auf jeden Fall zu Ende bringen will, auch wenn sie jetzt immer häufiger zu Gastauftritten eingeladen wird. Bei aller Freude: Der Fleiß bleibt. Auch weil es so schön ist, Opernsängerin zu sein.

Michael S. Zerban



zurück
Robert Schumann Hochschule Düsseldorf Fischerstraße 110, 40476 Düsseldorf
Fon: +49.211.49 18 -0 Fax: +49.211.49 11 6 18 www.rsh-duesseldorf.de