Prof. Thomas Leander eröffnete den Empfang mit dem Anspruch, zu Beginn des neuen Jahres deutlich zu machen, wofür die Hochschule steht und welche Werte sie leiten. In Zeiten globaler Krisen, so Leander, wachse das Bedürfnis nach Orientierung. Mit Dr. Christoph Heusgen sei bewusst ein Redner eingeladen worden, der nicht nur sicherheits- und außenpolitische Expertise mitbringe, sondern sich auch aktiv für Kultur engagiere – unter anderem im Stiftungsrat der Daniel-Barenboim-Stiftung und für das West-Eastern Divan Orchestra sowie die Barenboim-Said-Akademie.
Leander zeichnete das Bild einer Welt, die zunehmend von Kriegen und Machtpolitik geprägt sei. Internationale Akteure sprächen offen von einer Ordnung, in der Einflusszonen und das Recht des Stärkeren dominierten. Gerade für Künstlerinnen und Künstler stelle sich vor diesem Hintergrund die Frage nach ihrer Rolle und ihrem gesellschaftlichen Ort. Zugleich wies der Rektor auf die bedrohlichen Auswirkungen aktueller Sparmaßnahmen hin: Kürzungen in Bildung und Kultur, gestrichene Professuren sowie reduzierte oder ganz aufgegebene Konzert- und Opernprojekte wie beispielsweise in Berlin gefährdeten die identitätsstiftenden Kernaufgaben von Musik- und Kunsthochschulen. Als Reaktion darauf arbeite die Hochschule seit zwei Jahren gezielt daran, ihre Resilienz und Zukunftsfähigkeit zu stärken.
Überparteilich, aber nicht unpolitisch
Kunst- und Musikhochschulen müssten überparteilich sein, dürften aber nicht unpolitisch bleiben, betonte Leander. Sie trügen Verantwortung für Freiheit von Kunst und Lehre und seien zugleich zentrale Orte der Wertevermittlung. In geschützten Räumen könnten hier Musik und Kunst frei von staatlicher oder ideologischer Zensur entstehen – ein Zustand, der keineswegs selbstverständlich sei.
Dr. Christoph Heusgen vertiefte diese Perspektive mit einem Blick auf internationale Entwicklungen. An Beispielen aus Ungarn, Russland und den USA zeigte er, wie Kultur zunehmend politisiert, instrumentalisiert oder marginalisiert werde: von der nationalistischen Zentralisierung der Kultur unter Viktor Orbán über die gezielte Zerstörung ukrainischer Kultur durch Russland im Krieg bis hin zu staatlichen Eingriffen und Kürzungen kultureller Programme durch die Trump-Administration in den USA.
Stärke des Rechts statt Recht des Stärkeren
Heusgen sprach von einem „Epochenbruch“, der über die oft zitierte Zeitenwende hinausgehe. Die transatlantische Partnerschaft, lange ein verlässliches Fundament europäischer Politik, habe sich spürbar verändert. Anhand persönlicher Erfahrungen aus seiner Zeit als außen- und sicherheitspolitischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel schilderte er den Wandel amerikanischer Politik – von Obamas Appell, die Europäische Union zu stärken, bis hin zu einer Haltung, die unter Donald Trump auf nationale Interessen und das Recht des Stärkeren setze.
Dem stellte Heusgen das europäische Verständnis entgegen, Konflikte durch Verhandlungen zu lösen und auf die Stärke des Rechts zu vertrauen. Nur geeint könne die EU ein relevanter Akteur in der Welt bleiben. Zugleich plädierte er dafür, neue Partnerschaften mit gleichgesinnten Staaten weltweit zu suchen. Trotz aller Umbrüche rief Heusgen dazu auf, an liberalen Werten festzuhalten und mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken.

