Sie verlegen Mozarts Oper „Le nozze di Figaro“ bewusst nicht in die heutige Zeit. Warum?
Ich habe mich früh mit meiner Bühnenbildnerin Katrin Lehmacher zusammengesetzt, um diese Frage zu klären. Uns war wichtig, die Figuren als genuin theatrale Figuren zu zeigen. Das Publikum soll sich nicht über eine vordergründige Spiegelung mit ihnen identifizieren, sondern über die Gefühle und Beziehungen, die zwischen ihnen entstehen. Daraus entsteht eine Theaterwelt, die bewusst auf eine eindeutige zeitliche und räumliche Verortung verzichtet. Die wenigen Bühnenelemente wechseln ständig ihre Funktion – je nachdem, wie sie von den Figuren genutzt werden. Auch die Kostüme folgen diesem Prinzip: Sie verbinden zeitgenössische Elemente mit Zitaten aus anderen Epochen. So rücken nicht Moden oder ein konkretes „Heute“ in den Vordergrund, sondern der Kern der Figuren und ihre Konflikte.
Mozarts Figuren erscheinen bei Ihnen weniger als Typen, sondern als hochkomplexe Individuen. Wie bringen Sie diese psychologische Feinzeichnung körperlich und musikalisch auf die Bühne?
Ich arbeite stark mit komödiantischen Techniken, um der Geschichte einen präzisen Rhythmus zu geben. Darauf legen sich die Emotionen, die vor allem durch Tempowechsel entstehen: Wir setzen bewusst Pausen dort, wo die Figuren sich selbst reflektieren. In diesem Stück herrscht ein regelrechter Intrigenwirbel, umso wichtiger sind jene Momente, in denen die Figuren innehalten.
Am Ende des ersten Akts gibt es eine berühmte Arie. Sie wird häufig als bloße Verspottung der Figur Cherubino inszeniert. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden und stattdessen ein ernsthaftes Gespräch zwischen Figaro und Cherubino entwickelt. Das verleiht dem Drama zusätzliche Tiefe. Aus dieser Tiefe heraus lässt sich die Komödie ganz anders entfalten.
Welche Idee steckt hinter der Vorstellung, Komik als präzise gebaute Kette von Begegnungen zu gestalten?
Komik entsteht aus dem feinen Gefälle zwischen dem Wissensstand der Figuren und dem des Publikums. Oft verpassen die Figuren entscheidende Informationen um Sekunden – ein Timing, das den Humor überhaupt erst zündet. Entscheidend ist weniger die Pointe als das Tempo der Inszenierung.
Le nozze di Figaro gilt als Sozialsatire. Inwiefern sehen Sie die Oper heute noch als politisches Stück?
In der Oper geht es um Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe. Das sind Themen, die leider bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Le nozze di Figaro verhandelt und kommentiert diese Konfliktfelder auf bemerkenswert präzise Weise, obwohl das Werk fast 300 Jahre alt ist. Besonders deutlich wird das etwa in einer Arie des Grafen im dritten Akt, in der er unverhohlen erklärt, dass ein Gerichtsurteil nach seinem Willen ausfallen werde – schlicht, weil er die Macht besitzt, Einfluss zu nehmen.
Sie haben Theaterwissenschaft und Dramaturgie studiert. Wie prägt dieser analytische Blick Ihre Arbeit als Regisseur?
Ich beginne jede Arbeit mit einer gründlichen Kontextualisierung: Ich schaue auf die Entstehungszeit des Stücks, auf die Zeit, in der es spielt, und auf unsere Gegenwart. Dann versuche ich zwischen diesen Ebenen Brücken zu schlagen. Mir geht es nicht um eine historisierende Aufführung, aber wir müssen verstehen, woher ein Werk kommt, um seinen Inhalt überzeugend in unsere Zeit zu übersetzen. Meine emotionale Reaktion auf die Musik spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Daraus entwickeln sich erste Bilder und Ideen.
Esteban Muñoz Herrera wurde in Valdivia (Chile) geboren und studierte Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie Dramaturgie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Er arbeitete u. a. mit Regisseuren wie Calixto Bieito und Barrie Kosky und war von 2016 bis 2023 Spielleiter an der Komischen Oper Berlin. Im Jahr 2025 brachte er gemeinsam mit der türkischen Popsängerin und Aktivistin Gaye Su Akyol das Musical Consistent Fantasy Is Reality zur Uraufführung – eine Koproduktion der Komischen Oper Berlin, der Wiener Staatsoper und des Muziektheater Transparant (Antwerpen).

