Offen für neue Klänge, neue Formen und Formate: open form ist ein variables Festivalformat, das zeitgenössische Musik aus Düsseldorf und der Welt präsentiert und elektronische Musik, Sound Art und Installationen miteinander verbindet.
Auch in diesem Jahr bietet open form eine facettenreiche Bestandsaufnahme: Neben Uraufführungen aus den Kompositionsklassen von Prof. Oliver Schneller und Prof. José Maria Sánchez-Verdú, die das Programm einrahmen, gibt es in diesem Jahr Programmschwerpunkte mit neuer Musik aus Korea und Shanghai sowie Auftritte des renommierten Streichtrios catinblack, des Vokalensembles der RSH sowie eine Hommage zum 100. Geburtstag von György Kurtág.
Programm
13:00 Uhr: Neue Kammer- und Solowerke aus den Kompositionsklassen
15.00 Uhr Fokus I: Korea – Tradition und Moderne
16.00 Uhr: Akusmatische Musik von Brown, Ligeti, Liu und Evers
17.00 Uhr: Neue Musik für Chor: Uraufführungen mit dem RSH-Vokalensemble
18.00 Uhr: catinblack ensemble
19.30 Uhr: Fokus II – Neue Musik aus China
21.00 Uhr: Kurtág zum 100. Geburtstag
13:00 Uhr: Neue Kammer- und Solowerke aus den Kompositionsklassen
13:00 - 14:40 Uhr, Partika-Saal
Soney Marino Paho: Moon Illusion (UA)
Mykola Yakovliuk: Io sento für Violine, Kontrabass und fixe Elektronik (UA)
«If I can say “I love you” to someone,
maybe it only exists
because my childhood existed the way it did.
A place where to hear
and to feel (Italian: sentire — to hear / to feel)
were born from the same thing.
One room
holding all the beauty
and all the ugliness of the world inside itself.
A room where you could hear life unfolding,
or maybe simply feel life unfolding.
And “I” (Italian: Io)
was nothing more
than the act of witnessing»
Claudio Huerta Honores: Wo? für Schlagzeugtrio (2026)
Gustav Hofmann: 土 - Erde für Klavier solo und Diffusion (UA)
Die Entscheidungen in diesem Stück wurden in erster Linie durch das spirituelle Auseinandersetzen mit dem Element Erde getroffen. Die Selbstbeobachtung beim Komponieren intuitiver Strukturen eröffnete mir einen interessanten Einblick in mein eigenes Denken, der mich meiner Identität als Komponist zumindest in diesem Moment bewusster werden ließ.
Pamela Soria: Horal für Mezzosopran und Klavier (UA)
Dieses kleine Werk entstand nach einer Analyse von Dichterliebe von Robert Schumann. Das Konzept des Liedes erschien mir besonders faszinierend: Einen poetischen Text zu nehmen und eine Musik zu schaffen, die mit ihm verschmelzen kann, um einen neuen Ausdrucksraum entstehen zu lassen.
Das verwendete Gedicht arbeitet mit einfachen und kurzen Bildern – Wellen, Flügel, Tränen –, um von Fragilität, Leere und Ruhe zu sprechen. Mich interessierte eine reduzierte und direkte Sprache, in der sich Text und Musik gegenseitig tragen können, ohne dass eines das andere dominiert.
Die heutige Version ist ebenfalls eine zeitliche Verschmelzung. Die ursprüngliche Fassung entstand, als ich gerade erst begann, in Mexiko zu komponieren. Im vergangenen Jahr habe ich das Werk erneut überarbeitet. Auf gewisse Weise verbindet diese Version zwei unterschiedliche Momente meines Lebens als Komponistin.
15.00 Uhr Fokus I: Korea – Tradition und Moderne
Ein moderiertes Konzert über drei Werke koreanischer Kunstmusik und ihre kulturellen Hintergründe
15:00 - 15:40 Uhr, Partika-Saal
Younghi Pagh-Paan: Fanfarella für Violine Solo
Sunmin Gwak: ...… für Violine solo und Elektronik (UA)
Erinnerung wird nicht einfach gespeichert. Sie bewegt sich, verzögert sich und hinterlässt Spuren. Erinnerung verflechtet sich mit anderen Erinnerungen und wird dabei ständig transformiert. Sie ist nicht mehr dieselbe. Sie verzweigt sich, gleitet, erzeugt Differenz. Transformation ist zugleich zufällig und notwendig. Erinnerung bewahrt sich niemals identisch. Sie ist keine feste Form, sondern selbst ein Ereignis.
Erinnerung wirkt in der Verzögerung. Spuren bleiben, indem sie verschwinden, und verschwinden, indem sie bleiben und sich verändern. Die Vergangenheit existiert nicht als ursprüngliches Original. Sie wird fortwährend im Gegenwärtigen neu angeordnet, verknüpft und verbunden mit neuen Erinnerungen. Differenz ist das Prinzip, das Erinnerung konstituiert, und Erinnerung wird stets zu etwas anderem als sie selbst. Das Auslassungszeichen „……“ ist Spur und zugleich Abwesenheit. Es öffnet unendliche Möglichkeiten. Das Zeichen ist leer, doch gerade diese Leere produziert neue Bedeutungen. Eine Spur, die in der Abwesenheit wirkt. Auch Erinnerung verhält sich so. Sie ist keine Repräsentation eines Originals, sondern ein Prozess, der sich fortwährend in Differenz erzeugt. Die Wiederholung der Erinnerung ist keine Wiederholung von Identität, sondern eine Wiederholung, die Differenz erzeugt. Das Selbst wird durch Erinnerung konstituiert, doch es ist kein stabiles Zentrum. Es wird innerhalb von Anordnungen zusammengesetzt, verzweigt sich und bewegt sich entlang von Fluchtlinien. Während sich Erinnerung verändert, verändert sich auch das Selbst. Das Selbst existiert nicht als Identität, sondern als Prozess der Transformation. Es ist ursprünglich leer und existiert nur im Prozess seiner eigenen Füllung. Gerade diese Leere eröffnet die Möglichkeit, dass sich das Selbst durch Transformation und Rekonfiguration ständig erneuern kann. Wenn sich Erinnerung verändert, verändert sich das Selbst. Transformation, Verzerrung, Verzögerung, Rekonstruktion. Erinnerung und Selbst sind keine festen Strukturen, sondern operative Anordnungen in einem fließenden Gefüge. Das Leben ist eine Abfolge unvollendeter „……“. Eine sich wiederholende, aber nicht identische Bewegung, die in der Differenz fortbesteht. Es gibt kein festes Wesen. Es gibt nur Fluss und Anordnung.
Sangmin Ryu: Seiltanz für Violine Solo (UA)
Die Gliederung des Werkes greift zentrale Momente des koreanischen Seiltanzes (Jultagi) auf: rituelle Eröffnung, Aufstieg auf das Seil, Steigerung der Kunststücke, Wortgefecht zwischen oben und unten, satirische Szene und Sprung ins Leere. Diese Stationen bilden keine folkloristische Illustration, sondern eine musikalische Dramaturgie, in der Gleichgewicht, Zuspitzung, Brechung und Schwebezustand hörbar werden.
Anna Haas: Blick nach Korea
Der wohl bekannteste koreanische Komponist ist Isang Yun (1917–1995). Seine Biografie liest sich in Teilen wie ein Spionage-Roman zur Zeit des Kalten Krieges und seine Werke, die oft politische Dimensionen annahmen, machten ihn zu einer kontroversen Figur im Kontext der Teilung und Wiedervereinigung Koreas. Allerdings ist er keine Einzelerscheinung und so lohnt es sich, den Blick zu öffnen und auf die vielfältige Landschaft koreanischer Kunstmusik zu richten.
Westliche Musik erreichte die koreanische Halbinsel im späten 19. Jahrhundert durch christliche Missionare und Militärkapellen. Der Einfluss des königlichen Hofes befand sich im Niedergang und mit ihm die rund 2000 Jahre alte Musiktradition (Kugak). Dieser Prozess wurde während der Zeit unter japanischer Kolonialherrschaft 1910–1945 noch beschleunigt, während gleichzeitig westliche Musik ins Bildungswesen eingebunden und gefördert wurde. Das führte zu einer bis heute bestehenden Dominanz von Musik westlichen Ursprungs in Korea. Die ersten koreanischen Komponist*innen übernahmen ab 1919 westliche Klangsprachen und Kompositionstechniken und kombinierten diese mit koreanischen Texten und/oder Motiven. Dazu gehören u.a. Inshik Kim (1885–1963) und Eaktay Ahn (1906–1965), aus dessen 1935 komponierter Symphonischer Fantasie Korea die Nationalhymne Aegukga stammt.
Mit Isang Yun und später Sukhi Kang (1934–2020) und Byung-Dong Paik (1936–2026), um nur einige zu nennen, trat in den späten 50er Jahren eine neue Generation Komponist*innen auf den Plan, die begannen, eine individuelle Tonsprache zu entwickeln. Viele dieser frühen Komponist*innen sahen sich im Zwiespalt zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“, oft ausgelöst durch die Übersiedlung in westliche Länder wie Deutschland zum Studium. Sie versuchten die empfundene Lücke zwischen westlicher und koreanischer Musiktradition zu schließen. Diesen inneren Kampf verarbeitete Younghi Pagh-Paan (*1945) beispielsweise in ihrem Stück Man-Nam (dt. Begegnung) für Klarinette und Streichtrio. Mittlerweile ist diese Form der Kunstmusikkomposition in Korea aber längst heimisch geworden, sodass man den Zusatz „westlich“ getrost weglassen und koreanische Kompositionen als Facette eines globalen Phänomens betrachten kann.
Koreanische Musik ist hybrid, viele Stile existieren gleichzeitig; das gilt sowohl für die Popular- als auch für die Kunstmusik. Die teilweise provokante Performance-Kunst von Nam-June Paik (1932–2006) steht neben Donghoon Shins (*1983) Orchesterwerken, die strukturelle Strenge mit klanglicher Experimentierfreude verbinden und u.a. von Franz Kafka, Rainer Maria Rilke und Jorge Luis Borges inspiriert sind. Unsuk Chin (*1961) hingegen weist jede lokale und stilistische Zugehörigkeit von sich und sieht sich nur der eigenen Fantasie verpflichtet, was es äußerst schwierig macht, die verschiedenen Einflüsse in ihren Kompositionen zu identifizieren.
Andere Komponist*innen wenden sich in ihren Werken Philosophien wie dem Buddhismus oder Taoismus zu, indem sie ihre Kompositionen beispielsweise auf der Lehre von den fünf Elementen oder auf dem Gleichgewicht von Yin und Yang aufbauen. Sukhi Kang stellt in seinem Stück Nong für Flöte und Klavier die strukturelle Rationalität des Westens der kontemplativen Haltung des Taoismus dadurch gegenüber, dass Stille und das „Dem-Klang-Nachhören“ wesentliche Bestandteile der Musik sind.
Eine weitere Inspirationsquelle bildet die bereits erwähnte traditionelle koreanische Musik (Kugak), die zwar heutzutage in Korea eher ein Nischeninteresse ist, aber dennoch einen wichtigen Teil der koreanischen Identität darstellt. Neben traditionellen Instrumenten werden z.B. auch Rhythmen und Motive aus dem Kugak-Repertoire verwendet. Sowohl Isang Yun als auch Younghi Pagh-Paan greifen in einzelnen Kompositionen auf die Zentraltontechnik aus uralter ritueller Musik zurück: Hierbei handelt es sich um lang gehaltene Töne, die mit verschiedenem Timbre, Mikrotonalität, Glissandi und Trillern gefärbt werden.
Musik entsteht vor einem kulturellen und historischen Hintergrund. Die Beschäftigung mit all diesen (und noch viel mehr) Aspekten, die in koreanischer Kunstmusik eine Rolle spielen können, bedeutet also eine Annäherung an die koreanische Kultur und kann zum besseren Verständnis der Werke beitragen. Im Vordergrund steht aber immer der persönliche künstlerische Ausdruck der Komponist*innen.
16:00 Uhr: Akusmatische Musik von Brown, Ligeti, Liu und Evers
16:00 - 16:45 Uhr, Partika-Saal
Earle Brown: Octet No. 1 für Tonband und acht Lautsprecher (1952-1953)
György Ligeti: Artikulation Tonband 4-Spur A-DAT (1958)
Wendi Liu: Bis morgen (2024)
David Evers: The Oval Portrait für Stimme, Tänzerin und acht Lautsprecher (UA)
17.00 Uhr: Neue Musik für Chor - Uraufführungen mit dem RSH-Vokalensemble
17:00 - 17:40 Uhr, Partika-Saal
Yejun You: CodecBook für 12 Sänger*innen und Live-Elektronik (UA)
Das NATO-Alphabet, ursprünglich für klare Kommunikation entwickelt, dient hier als musikalisches Material: Buchstaben und Zahlen erscheinen teilweise rückwärts, werden live aufgenommen und in veränderter Form erneut hörbar gemacht. Durch das ständige „musikalische“ Encodieren und Decodieren entstehen neue Kombinationen, kleine Missverständnisse und unerwartete klangliche Situationen.
Maria Teresa Kalinowska: Veni Sancte Spiritus for gemischten Chor, Harfe, Akkordeon und Kontrabass (UA)
Yi Yu: Echo unter der Überführung für 12-stimmigen Chor und Elektronik (UA)
catinblack ensemble
In-Residence-Gastensemble 2025/2026 der Kompositionsabteilung
18:00 - 18:45 Uhr, Partika-Saal
Dmitry Burtsev: My Palms are Turning into Smoke (2026)
Sunmin Gwak: Kenotopia (UA)
Wenn sich unterschiedliche Zeiten in einem einzigen Ort überlagern, können wir nicht mehr sagen, dass wir uns in einem einzigen Raum befinden. Vertraute Positionen verschieben sich allmählich, Nahes entfernt sich, und das Entfernte kehrt auf andere Weise wieder zurück. Vergangene Klänge verschwinden nicht, sie bleiben. Doch selbst während sie bleiben, sind sie nicht mehr dieselben. Das Entfernte wird unscharf, und das Unschärfehafte gewinnt eine andere Textur. Manches ist nicht mehr hörbar und verschwindet dennoch nicht, anderes ist nicht mehr sichtbar und verändert dennoch die Wahrnehmung des Raumes leise weiter. Leere ist kein Nichts.
Ein leerer Raum nimmt stets etwas auf und bewahrt still die Spuren des Verlassenen. Ein Klang begegnet einem anderen, verliert dabei allmählich seine eigene Form und erzeugt gerade in diesem Verlust eine neue Beschaffenheit. Zeiten, die sich kreuzen, bleiben weder vollständig getrennt noch vollständig verschmolzen, sondern verweilen im selben Raum in einem Zustand des Überlagerns. Auch der Raum ist kein festgelegter Ort. Wenn sich der Körper bewegt, bewegt sich der Ort mit. Innerhalb desselben Raumes verändern sich Entfernungen und Richtungen. Ein vertrautes Zentrum löst sich langsam auf, und frühere Positionen bleiben nicht mehr dieselben.
Vielleicht bleibt nicht die Form, sondern die Beziehung. Zwischen vergangenen und neu entstehenden Klängen, zwischen verschwindenden Körpern und nachhallenden Spuren. Alles erscheint weniger als feste Substanz, sondern vielmehr in Begegnungen, die kurz verweilen und sich wieder auflösen. Kenotopia ist eine Wortbildung aus „keno-“ (Leere) und „-topia“ (Ort). Doch sie bezeichnet keinen leeren, inhaltslosen Raum. Vielmehr beschreibt sie einen Ort, der sich durch seine Leere fortwährend verändern kann. Zwischen dem, was beendet scheint, und dem, was dennoch weiter nachklingt, erscheint der Raum nicht als feste Kulisse, sondern als ein sich ständig neu ordnendes Gefüge. Und darin wiederholt sich nichts identisch – alles kehrt leicht verschoben zurück, jedes Mal in anderer Form.
Pamela Soria: Wall of Stops (UA)
Das Stück konzentriert sich darauf, ständig mit einer leeren Saite zu spielen, mit dem Ziel, eine dichte Klanglichkeit zu erzeugen, die stellenweise für die Zuhörer*innen wie eine Klangwand wirkt. Ausgehend von dieser technischen Einschränkung entstehen verschiedene Schichten, Resonanzen und innere Spannungen, die die musikalische Textur fortlaufend verändern.
Die Idee entstand, nachdem ich die Mitglieder von catinblack über ihren Wunsch sprechen hörte, dass das Ensemble wie ein kleines Orchester funktionieren könnte. Besonders interessierte mich, wie eine kleine Gruppe ein Gefühl von klanglicher Weite erzeugen und einen gemeinsamen akustischen Raum aufbauen kann.
Die Klangwand bewegt sich, verschwimmt und dehnt sich aus. In manchen Momenten wirkt sie kompakt, in anderen fragil oder fragmentiert. Mein Wunsch ist es, dass das Ensemble spielt, sich gegenseitig zuhört, sich koordiniert und das Werk im Verlauf der Zeit durch gegenseitiges Zuhören gemeinsam aufbaut.
Rachel C. Walker: Our meeting is the flight of stars breaking free from their orbits (2026)
This trio uses a computer-generated graphic from the composer Herbert Brün’s Floating Hierarchies series as a 'puzzle-generator' for and structural pressure upon various individual musical events. These events juxtapose and collide with each other, and are built from my transcriptions of a recitation of the first poem in Nadeem Al-Aloosi’s texts with the figure Malak Alzumarud (the Emerald Angel). The Floating Hierarchies graphic used in this work is a duo. In my realization, the voices of the duo are divided 1:2, with the cello taking an expansive and almost-constant role, which is contextualized and deformed by the opposing voice, jointly created by the viola and double bass. The viola and double bass parts are extended at moments by other sonic references, as a proposal towards the graphic noise in the original image. This work was commissioned by the Deutscher Musikrat (German Music Council) Podium Gegenwart in the frame of the support program InSzene for the catinblack ensemble for a premiere at the Baku Contemporary Music Days 2026.
Youtube Kanal catinblack Ensemble
19.30 Uhr: Fokus II – Neue Musik aus China
Deutsche Erstaufführungen von Ye Xiaogang, Liang Nan, Bai Chao, und Zheng Yang
19:30 - 20:40 Uhr, Partika-Saal
Bai Chao: The Mountain's Whispering Stream für Ensemble (2019/25)
Das Stück basiert auf einem musikalischen Gedicht, mit dem ich den Versuch unternehme, zum Natürlichen und Authentischen zurückzufinden. Mit Noten aus Tinte skizziert die Musik das Wesen der Berge und den Charme des Wassers und ruft so eine hörbare Landschaft zwischen Himmel und Erde hervor.
Die Kompositiontechnik verwendet Methoden der Klangzeichnung, die danach streben, den Geist und den Rhythmus einzufangen, die der Landschaft innewohnen.
Die Musik sucht das Gleichgewicht zwischen „Zurückhaltung“ und „Fülle", zwischen Stille“ und „Fluss“, darzustellen und damit das Gleichgewicht aller natürlichen Dinge wie es die Philosophie der „Harmonie zwischen Mensch und Natur“ aus der östlichen Ästhetik nahelegt. Durch die Wahrnehmung der ruhigen Beständigkeit der Berge und der umarmenden Weite des Wassers sucht sie einen Raum verinnerlichter Ruhe und Selbstwahrnehmung.
Liang Nan: Over the Cloud für Kammerensemble (2024)
Die Musik schimmert in kristallklarer Reinheit und schwebt wie schwereloser Nebel durch himmlische Gefilde. Als Eröffnungsstück meiner „Nature Series“ haucht dieses Werk flüchtigen Naturphänomenen und einer chromatischen Poesie aus Jade Leben ein. In wellenförmigen Texturen und leuchtenden Harmonien enthüllt die Partitur die Pilgerreise eines Künstlers, der voller Ehrfurcht vor der lebendigen Farbpalette der Erde mit der Bewunderung für das grenzenlose Theater der Natur verschmilzt.
Zheng Yang: Malan Galaxy op. 51c für Guzheng und acht Instrumente (2024)
Wenn man in Malan, Xinjiang, in den weiten Nachthimmel blickt, erkennt man deutlich unsere Milchstraße. Prächtige Geschichten scheinen aus ihr zu fließen, Heldenseelen flackern vorüber, tiefgründige Gefühle lodern, und die Hoffnung auf eine unendliche Zukunft scheint in ihr aufzusteigen.
Die Galaxis von Malan birgt heilige spirituelle Kraft und führt die Menschen mit glühendem Patriotismus, starkem Kampfgeist, unerschöpflicher Inspiration und einer farbenfrohen Vision in eine strahlende Zukunft. (Op.51c) Das Werk wurde 2026 vom China National Art Fund gefördert.
Ye Xiaogang: Springs in the Forest für Guzheng solo (2001)
"Springs in the Forest“ wurde vom Liu Shikun Piano Art Centre in Hongkong in Auftrag gegeben und am 30. November 2001 in der Hong Kong City Hall von der jungen Zheng-Spielerin Yuan Shan uraufgeführt.
Das Stück gilt als Meilenstein der zeitgenössischen chinesischen Komposition für Zheng. Es vereint die Schönheit und das Wesen der klassischen chinesischen Musik mit Techniken und Ästhetiken zeitgenössischer Musik und ist eines der herausragendsten Solostücke für Zheng seit „Fight to Typhoon“ (einem beliebten Stück aus den 1970er Jahren). Das Werk verbindet anspruchsvolle Technik mit einer frischen Melodieführung, reichhaltigen und abwechslungsreiche rhythmische Muster mit vielschichtigen Klangfarben. 2005 gewann "Springs in the Forest" den Goldenen (ersten) Preis beim fünften chinesischen „Golden Bell“-Kompositionswettbewerb.
Ye Xiaogang: Datura op. 57 für Flöte, Violine, Violoncello und Klavier (2006)
„Datura“ entstand im Auftrag von "Accessible Contemporary Music" des Chicago Cultural Center. Ich schrieb das Stück im Sommer 2006 in einzelnen Abschnitten und schickte diese dann jeweils per E-Mail an das Ensemble. Durch diese Arbeitsweise hatte ich zwischen den einzelnen Abschnitten Zeit, darüber nachzudenken, wie es weitergehen sollte, und Feedback von den Interpreten zur Musik einzuholen. Das war eine ganz neue und andere Art, für mich zu arbeiten. Üblicherweise schreibe ich ein Stück in relativer Abgeschiedenheit und übergebe es dann den Interpreten. Aber ein solches Schreiben in Abschnitten ermöglicht viel mehr Kommunikation zwischen den Interpreten und dem Komponisten und erlaubt es dem Publikum gewißermaßen, das Stück zu hören, während es entsteht.
„Datura“ ist eine weitere Komposition aus einer Reihe von Werken, die ich jeweils zu bestimmten asiatischen Pflanzen und Blumen geschrieben hat. Datura ist eine sehr schöne weit verbreitete Zimmerpflanze in Südchina, die aber auch als Halluzinogen verwendet werden kann, meist mit unangenehmen Folgen. Durch ein Wechselspiel von ruhigen und sehr bewegten musikalischen Passagen stelle ich in diesem Stück die äußere Schönheit der Pflanze der intensiven halluzinogenen inneren Welt gegenüber, die sie hervorrufen kann.
Kurtág zum 100. Geburtstag
21:00 - 22:30 Uhr, Partika-Saal
György Kurtág zum 100. Geburtstag und Neues aus den Kompositionsklassen
Die Robert Schumann Hochschule widmet diesen letzten Konzertblock György Kurtág, einem der einflussreichsten Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, der wie kaum ein anderer aus wenigen Tönen einen ganzen Musik-Kosmos zu erschaffen vermag. Im Februar dufte er seinen 100. Geburtstag feiern.
Mit Uraufführungen für dirigierte und undirigierte Ensembles rahmen vier junge Komponist*innen der Robert Schumann Hochschule dabei ein Werk des Kompositions-Professors Oliver Schneller ein, der in diesem Jahr ebenfalls einen runden Geburtstag feiert.
Einführung: Prof. Dr. Tobias Bleek zum Werk György Kurtágs
György Kurtág: Four poems by Anna Akhmatova, op. 41 (1997-2008) für Sopran und Kammerensemble
Bastián Jorquera: Ecos de la tierra II (UA)
Oliver Schneller: Clair-obscur für sieben Instrumente und live-Elektronik (2005-06)
Resonanz ist der Schweif des Klanges, dessen im Raum hinterlassene Spur. Nur selten ist das Ohr gewillt, den eigentlichen Klang (im Sinn von produzierter Schallenergie) von seiner Repräsentation im Raum (die Gesamtheit der Reflexionen) zu trennen. Wir hören den Klang und seine Resonanz als Einheit. Mit «Raum» kann zunächst der corpus eines Instrumentes gemeint sein. In zweiter Instanz dann die Reaktion des architektonischen Raumes eines Konzertsaales und seiner Flächenbeschaffenheit auf den Impuls eines Schallsignals, und - im erweiterten Sinn schließlich - das Zeitraumfeld der Wahrnehmung, in dem sich Klangfolgen als formbildende Verkettung von Ereignissen in der Erinnerung eines Hörers verdichten. Seit längerer Zeit beschäftigt mich die Vorstellung, das Resonanzverhalten dieser verschiedenen Räume kontrollierbar zu machen. Es ist u.a. die Vorstellung, die architektonisch-akustischen Bedingungen des Aufführungsortes könnten sich dynamisch, d.h. während der Aufführung, verändern. Hier entstehen Klangfelder, in denen wechselnde musikalische Zustände unterschiedliche akustische Situationen auslösen, die in ihrer räumlichen Instabilität auch eine expressive Zerbrechlichkeit offenbaren: der Klang wird nicht mehr einfach von einer Position aus «gesetzt», sondern findet sich sogleich nach seiner Entstehung aufgelöst in ein labiles Netzwerk aus fortan wuchernden, akustisch sich verselbstständigenden Konsequenzen seiner selbst wieder. In diesem Geflecht verliert sich die Trennschärfe der musikalischen Objekte. Die Grenzen zwischen ihrem An- und Ausklang, ihrem Bild und ihren Abbildern verwischen. Eine Topographie aus bruchstückhaften Kontouren und fluktuierenden Farb- und Helligkeitsunterschieden öffnet sich.
Die räumliche Disposition von Clair-obscur ist hexapolar: sechs Instrumente (Flöte, Klarinette, Posaune, Geige, Bratsche, Kontrabass) sind quasi kreisförmig um ein Zentrum (Schlagzeug) aufgestellt. Der Schlagzeuger ist von sechs Lautsprechern umstellt, die nach außen gerichtet jeweils mit den sechs Instrumenten im Saal per Elektronik klanglich korrespondieren. Von hier aus entfaltet sich die Topographie des Stückes. Die insgesamt 13 Klangpunkte (sieben Instrumente, sechs Lautsprecher) bilden eine räumliche Matrix, auf die das Klangmaterial in räumlich «mobilen» Verteilungsabläufen «projiziert» wird.
Clair-obscur, oder Ital. chiaroscuro, bezeichnet in der Malerei eine Technik, mittels der Objekte von ihrem Hintergrund lediglich durch Farb- und Helligkeitskontraste (statt Kontourlinien) abgehoben werden.
Leishuo Ye: Toward the Real für Violoncello solo (UA)
Bastián Jorquera: Acuafonía (UA)
Wendi Liu: Zwielicht für Ensemble und Elektronik (UA)
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