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12.10.2026

Nachruf

Am Donnerstag, dem 8. Oktober, hat unser lieber und geschätzter Kollege, Lehrer, Freund Hans Peter Reutter im Alter von sechzig Jahren nach schwerer Krankheit diese Welt verlassen.

Hans Peter Reutter, 1966 geboren, im idyllischen Bensheim aufgewachsen, war ein sehr vielseitiger Mensch. Seit 1982 mit seinen Kompositionen öffentlich hervorgetreten, studierte er von 1985 bis 1993 Komposition an der Hamburger Musikhochschule bei György Ligeti. In Ligetis Kompositionsklasse mit ihren endlosen Diskussionen entwickelten sich Freundschaften und Interessen fürs Leben – für Hans Peter Reutter bildeten namentlich einerseits die Musik der Renaissance und der Ars subtilior, andererseits Mikrotonalität Themen, die ihn nicht mehr losließen. Er war Gründungsmitglied der von Ligeti-Schüler*innen gegründeten und von Ligeti geförderten Neue-Musik-Gruppe Chaosma, die seit Ende der 80er Jahren international auftrat.

Fast zeitgleich machte sich Hans Peter Reutter auch einen Namen in einer Branche, die der Neuen Musik fast diametral entgegengesetzt erscheinen mag – in der damals blühenden deutschen Kabarettszene, in Gruppen wie »Emmi und Bertie« und »Popschutz« und als Klavierbegleiter von Monty Arnold und Käthe Lachmann; dabei kam es auch zu einem Auftritt in einem der zuschauerstärksten deutschen Filme: »Der bewegte Mann«. Nach 2010 zog sich Hans Peter Reutter weitgehend aus der Kabarettszene zurück, aber den Geschmack an Schauspielerei und kabarettistischen Wirkungen verlor er – zur Freude der Studierenden – auch danach keineswegs!

Schon während der Studienzeit hatte Hans Peter Reutter unterrichtet, er übernahm nach dem Studium zunächst eine Vertretungsprofessur in den Fächern Satzlehre, Partiturspiel und Generalbass an der Hamburger Musikhochschule, danach lehrte er Komposition, Theorie und Gehörbildung am Hamburger Konservatorium. 2005 schließlich wurde er als Professor für Musiktheorie an unser Hause berufen und übte seither einen prägenden Einfluß auf das musikalische und akademische Leben unseres Hauses aus. Als einer der Lehrenden, die sich erfolgreich darum bemühten, das Image des Musiktheorieunterrichtes zu verbessern, konnte er Generationen von Studierenden etwas von der Freude und Faszination dieses Faches vermitteln.

Viele, die bei Hans Peter Reutter studieren durften, werden sich an seine Warmherzigkeit, seine Hilfsbereitschaft, seinen Humor, seine musikalische wie menschliche Offenheit erinnern. Insbesondere Studierende des IMM fanden in ihm auch einen Dozenten, der Pop- und Jazzmusik mit großem Interesse (und erstaunlichem Wissen!) gegenüberstand. Um 2015 herum begann er, einen »Montags-Stammtisch« für Hauptfachstudierende – und nicht nur sie – einzuführen, der leider nach der Coronazeit nur noch selten stattfand, was zumindest teilweise auch mit seiner Krankheit zusammenhing.

Und als sei das alles noch nicht genug, war Hans Peter Reutter sehr aktiv in der Gesellschaft für Musiktheorie, regelmäßig bei ihren Kongressen vertreten, hielt zahlreiche Vorträge, schrieb etliche Artikel – unter anderem über Mendelssohn, Bruckner, Ravel, Grisey, Mikrotonalität, Prince, Kate Bush, Annie Lennox, Satzmodelle…

In den letzten Jahren fühlte er sich freilich mit den Vorgaben wissenschaftlichen Publizierens über Musiktheorie nicht mehr recht wohl und bevorzugte es, in seinem »Satzlehre«-Blog zu publizieren: Manchmal witzig, manchmal ernst, manchmal
unterhaltsam, manchmal sehr in die Tiefe gehend (wie in seiner Analyse von Chopins Polonaise-Fantaisie), immer sorgfältig recherchiert, aber auch anekdotenreich und persönlich gefärbt. Viele dieser Beiträge entstanden im Krankenhaus, als Ablenkung vom mitunter sehr deprimierenden Klinikalltag. Vielleicht waren diese kleinen, schönen Blogbeiträge die letzte Lehre, die Hans Peter Reutter uns hinterließ: Wenn wir uns schon die Umstände unseres Lebens nicht aussuchen können, so können wir ihnen doch die Freiheit des Geistes, der Phantasie entgegensetzen.

Für die Theorie- und Kompositionsklassen, für die gesamte Robert Schumann Hochschule ist sein Dahinscheiden ein großer und schmerzlicher Verlust. Wir werden Hans Peter Reutter in dankbarer Erinnerung halten.
 

Die Linien des Lebens sind verschieden,
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.
(Friedrich Hölderlin)



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