Für Musik, die in Diktaturen entsteht, sind ambivalente, mehrfach codierte Botschaften typisch. Das Œuvre von Dmitri Schostakowitsch bietet hierfür prominente Beispiele. Im Westen nicht selten als Opportunist missverstanden, kultivierte er eine verdeckte Schreibweise, die aus der Perspektive der Kommandohöhen wenig Angriffsfläche bot, aber für kundige Hörerinnen und Hörer die regimekritische Haltung des Komponisten erkennen ließ. Zu diesen Werken gehört auch die 11. Sinfonie aus dem Jahr 1957. Den offiziellen Auftrag, eine Festkomposition zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution zu liefern, nutzte Schostakowitsch geschickt, um in dem unter Nikita Chruschtschow zögerlich einsetzenden „Tauwetter“ an die erst wenige Jahre zurückliegende Schreckensherrschaft Stalins zu gemahnen und vor einem Rückfall in dessen Geist zu warnen.
Dmitri Schostakowitsch, Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67
Andrej Bielow, Violine
Hyunah Pyo, Violoncello
Veronika Salikhova, Klavier
Friedrich Geiger ist, nach beruflichen Stationen in Dresden, Berlin und Hamburg, Professor für Historische Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Theater München. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählt die vergleichende Forschung zur Musik in Diktaturen und im Exil, wozu er unter anderem das Buch Musik in zwei Diktaturen. Verfolgung von Komponisten unter Hitler und Stalin veröffentlicht hat. Er ist Mitherausgeber des Online-Lexikons verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (www.lexm.uni-hamburg.de) und Projektleiter des Langzeitvorhabens NS-Verfolgung und Musikgeschichte der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.

